Was Nürnberg von einem wartenden Auto lernen kann

 
Korallrote Illustration eines lächelnden Clowns auf einem Fahrrad, der seinen Hut hebt.

Radfahren sollte keine Mutprobe sein. Ein bisschen Rücksicht würde auch Nürnberg guttun. | Illustration: © Paul Blotzki

In Spanien kann ein Auto eine Weile hinter einem Fahrrad herfahren, ohne dass gleich die Welt untergeht. Zurück in Nürnberg wirkt das wie eine bemerkenswerte Entdeckung. Dabei geht es um etwas ziemlich Einfaches. Auch die anderen wollen heil ankommen.

 
 

Ein Fahrrad ist keine Provokation

Wer in Nürnberg Fahrrad fährt, der kann damit rechnen, dass er mindestens zweimal am Tag einer gefährlichen Situation ausgesetzt ist, an der er nicht schuld ist. Mal wird er beim Rechtsabbiegen übersehen, mal ist der Abstand eines überholenden Autos nicht angemessen oder aber der Autofahrer steuert beim Linksabbiegen ohne Not bedrohlich nahe auf den Radfahrer zu, weil er glaubt, im Recht zu sein.

Ganz schlimm ist es, wenn Autofahrer die Fahrertür aufmachen, ohne in den Rückspiegel zu schauen oder sich einmal selbst umzudrehen. Es ist eine latente Aggressivität oder Gleichgültigkeit vonseiten der Autofahrer vorhanden, als ob Fahrradfahrer nur Hindernisse im Straßenverkehr sind und keine gleichberechtigten Verkehrsteilnehmer.

Es ist ein Wunder, dass nicht mehr Unfälle passieren. Wahrscheinlich liegt es an der Aufmerksamkeit der Radfahrer oder an ihrem Überlebenswillen. Ohne Knautschzone sind sie leicht schwer verwundbar.

Überholen kann warten

Dass es auch anders geht, konnten meine Frau und ich im Urlaub in Spanien erfahren. Wir sind die Nordküste mit Auto und Fahrrad Etappe für Etappe entlanggefahren und haben außerdem Madrid und Barcelona mit dem Fahrrad erkundet. Noch nie haben wir sowohl als Fußgänger als auch als Radfahrer so viel Respekt erfahren.

Autofahrer bremsten rechtzeitig vor dem Zebrastreifen, sie fuhren langsam hinter den Radfahrern her, wenn es nicht genügend Platz zum Überholen gab, und drängelten sich nicht wie in Deutschland an ihnen vorbei. Die Geduld, auch auf langen und schmalen Straßen hinter Radfahrern herzufahren, war fast grenzenlos. Bei der Rückkehr nach Nürnberg hatten wir regelrecht einen kleinen Schock, wie rüde es hierzulande im Straßenverkehr zugeht.

Vorne einsteigen geht tatsächlich

Spanien war noch in anderer Hinsicht ein Vorbild: Beim öffentlichen Personennahverkehr. Ob San Sebastián oder Madrid: Die Nutzer stehen in einer Schlange und ohne Geschiebe oder Drängeln an. Selbst wenn die Schlange 50 Meter lang ist und man ins Büro muss.

Selbstverständlich steigen alle im Bus beim Fahrer ein und zeigen offensiv ihre Fahrkarte. Wer sie nicht zeigt, der bremst alle aus, weil es dann länger dauert. Schummeln geht nicht. Der Bus fährt nicht los. Wenn ich an die Debatten im Nürnberger Stadtrat denke, ob den Fahrgästen es zuzumuten ist, vorne beim Fahrer einzusteigen, dann frage ich mich, wo das Problem ist.

Vom Schimpfen wird die Straße nicht breiter

Es war in Spanien ein so selbstverständlicher Umgang miteinander im Straßenverkehr, so dass wir überzeugt sind, dass es nicht zufällig so reibungslos war. Natürlich ist Radfahren in Barcelona und Madrid kein sportlicher Spaß, sondern auch sehr mühselig. Die Radwege sind in der Regel schmal, oft unübersichtlich, weil sie teilweise in beide Richtungen benutzt werden müssen.

Auch sind es historisch gewachsene Innenstädte, die nicht viel Platz haben. Weil Fahrräder erst im 19. Jahrhundert erfunden wurden, war für sie kein Platz vorgesehen. Das ist auch in Nürnberg so. Trotzdem, die Rücksichtnahme der spanischen Autofahrer gegenüber Fahrradfahrern ist vorbildlich.

Dass in Deutschland Spaziergänger, Radfahrer und Autofahrer sich leicht in Rage bringen lassen und heftig übereinander schimpfen, macht den Straßenverkehr sehr emotional. Gelassenheit, das lernt man in Spanien, entsteht dann, wenn der jeweils Andere respektiert wird und das eigene Ego zurückgehalten wird.

 

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