Bomben weg, Bäume weg – Nürnbergs neue Universität wächst

 
Mehrgeschossiges Gebäude der Technischen Universität Nürnberg in Lichtenreuth mit Holzfassade, jungen Bäumen und blühenden Pflanzen im Vordergrund.

Die Technische Universität Nürnberg in Lichtenreuth wächst: Auf dem 37 Hektar großen Campus sind weitere Gebäude und rund 800 neue Bäume geplant. | Foto: © Janine Beck

Zwei Fliegerbomben wurden gefunden, die alten Bäume mussten weichen, rund 800 neue sollen folgen. Auf dem 37 Hektar großen Gelände in Lichtenreuth wächst der Campus der Technischen Universität Nürnberg weiter. Auch die Universität selbst wird größer: mit mehr Studierenden, neuen Forschungsprojekten und weiteren Gebäuden.

 
 

Zwei Fliegerbomben auf dem künftigen Campus

Die Aufregung war groß, als im vergangenen Herbst beschlossen wurde, den Boden des 37 Hektar großen ehemaligen Bahngeländes entlang der Münchener Straße, auf dem die Technische Universität Nürnberg (UTN) entstehen soll, komplett umzugraben. Das Gelände, das der Freistaat von der ehemaligen Bahntochter Aurelis gekauft hatte, gehörte im Zweiten Weltkrieg zum Rangierbahnhof und war deshalb Ziel der alliierten Bomber. Die Rüstungsbetriebe arbeiteten in Nürnberg bis zum Kriegsende im Frühjahr 1945. Vor allem die Panzerproduktion bei MAN, nah am Rangierbahnhof, war Ziel der Luftangriffe. Ob noch gefährliche Bombenreste oder Blindgänger im Boden steckten, darüber machten sich Stadt und Baubehörde zunächst wenig Gedanken. Erst als die Grundstücke für die angrenzende Wohnbebauung in Lichtenreuth untersucht wurden, kam jemand auf die Idee zu fragen, ob nicht auch der Sand des Uni-Geländes einmal durchgesiebt werden sollte.

Der Aufschrei in der Stadtgesellschaft war im vergangenen Jahr groß, weil die Grabungs- und Siebarbeiten bedeutet haben, dass alle Bäume gefällt werden müssen. In den Wurzelballen der schönen Bäume können sich Kampfstoffe verstecken. Einige wollten deshalb die neue Universität sogar kurzfristig in die Region verpflanzen, damit das Gelände mit den Bäumen so bleiben kann, wie es war. Es zeigte sich aber schnell, dass das ein Sturm im Wasserglas war. Nachdem der Bund Naturschutz seinen obligatorischen Widerstand gegen strukturelle Veränderungen, wie hier die Gründung einer Universität, demonstrativ angekündigt hatte, packte er das Protestbesteck wieder zusammen und ließ die Arbeiten weiterlaufen. Wer will schon Kampfmittel im Boden stecken lassen und Menschen in Gefahr bringen?

Gefunden wurde allerdings wenig. Es mussten zwei Fliegerbomben entschärft werden, die beim Baggern entdeckt wurden. Hinzu kam noch Kleineres wie Schrapnelle, Patronen und Bombenreste, aber auch Fundamente vom ehemaligen Güterbahnhof. Es war wohl trotzdem notwendig, den Boden durchzusieben, auch wenn es wenig gebracht hat: Wer hätte die Verantwortung übernommen, wenn doch etwas passiert wäre?

Warnschild „Kampfmittelverdachtsfläche – Betreten verboten“ an einem Holzzaun; dahinter stehen Bäume und ein UTN-Gebäude.

Das ehemalige Bahngelände in Lichtenreuth war im Zweiten Weltkrieg Ziel von Luftangriffen. Bei den Erdarbeiten wurden zwei Fliegerbomben entdeckt und entschärft. | Foto: © Janine Beck

800 neue Bäume für den Campus

Die alten Bäume sind leider weg. Aber im Zuge der Campusentwicklung werden rund 800 neue Bäume gepflanzt. Das sind mehr als bisher. Die Pflanzungen sind im Bebauungsplan für den rund 37 Hektar großen UTN-Campus verbindlich festgelegt. Mindestens 660 Bäume entstehen auf den nicht überbaubaren Flächen der universitären Baugebiete, weitere rund 133 Bäume in besonders ausgewiesenen Anpflanzungsflächen in der Nähe von Immobilien.

Für die ersten Erschließungsmaßnahmen des UTN-Campus sind Gesamtkosten von rund 103,6 Millionen Euro veranschlagt. Darin enthalten sind neben der eigentlichen Erschließung und den Ver- und Entsorgungsanlagen auch die Freianlagen, zentrale Infrastruktur sowie die aufwendige Geländevorbereitung. Ein wesentlicher Bestandteil dieser Geländevorbereitung ist die Kampfmittel- und Altlastenbeseitigung. Wie teuer genau der Anteil der Kampfmittelentsorgung an den Erschließungskosten ist, kann die Universität noch nicht genau beziffern.

Die UTN wächst trotz Sparzwang

Die allgemeinen staatlichen Sparzwänge nehmen zwar den Wissenschaftsbetrieb nicht aus. Doch in Bayern gehen die Uhren zum Glück etwas anders. Während es in Berlin droht, dass eine Universität, die zur Excellenzstrategie gehört, geschlossen wird, weil der Reparaturstau zu groß ist, baut der Freistaat in Nürnberg eine neue Technische Universität auf. Die UTN kann demnach leicht verzögert an ihrem Neubauprogramm festhalten. Im Oktober 2027 wird der Bau für die Robotik abgeschlossen sein. Es gibt auch erste Patente auf Produkte: Ein Kinderwagen, der Joggern KI-gesteuert folgen kann und Drohnen, die Personen suchen können. Das Foto der gesuchten Person kann digital übermittelt werden.

Rund 150 Studenten und Doktoranden sind derzeit an der UTN eingeschrieben. 100 kommen noch einmal im Herbst dazu. Insgesamt forschen derzeit 29 Professoren an der UTN und 100 wissenschaftliche Beschäftigte arbeiten an Bayerns jüngster Universität. Geforscht wird intensiv an künstlicher Intelligenz, an der Grenzüberschreitung zur menschlichen Intelligenz sowie an ethischen Komponenten. Geplant ist auch eine Zusammenarbeit mit den wissenschaftlichen Einrichtungen in Heilbronn. Nachdem sich der erste heftige Widerstand gelegt hat, scheinen auch die Friedrich-Alexander-Universität und die Ohm-Hochschule mit der UTN gemeinsam Forschungsarbeiten anzugehen. „Es wird zunehmend besser“, heißt es intern. Nur gemeinsam können Europäer den Wettlauf gegen die Konkurrenz aus Amerika und China bestehen. Das dritte große Standbein der UTN wird Mechatronic Engineering sein und ist im Entstehen.

UTN Forum Future soll Universität und Region vernetzen

Der zwei Jahre lang diskutierte Förderverein für die UTN, um eine Breitenwirkung der Hochschule in der Region zu entfalten, wurde noch nicht gegründet. Christina Wittmann von der Hochschulleitung hat die Vorarbeiten aber schon sehr weit vorangetrieben. Das UTN Forum Future soll ein strategisches Netzwerk- und Dialogformat der UTN werden und keine statische Einrichtung. Es soll die Universitätsleitung mit einem kleinen Kreis ausgewählter Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft zusammenbringen. Im Mittelpunkt stehen der persönliche Austausch, strategisches Sparring und der Blick von außen auf zentrale Zukunftsfragen.

Die Mitglieder sollen ihre Erfahrungen, Perspektiven und Netzwerke in die Entwicklung der UTN einbringen. Dabei geht es beispielsweise darum, Zukunftsthemen und strategische Konzepte der Universität zu diskutieren, Kontakte herzustellen und die UTN sowie ihre Themen in relevanten Netzwerken sichtbarer zu machen. Nach Möglichkeit können Mitglieder die Universität zudem bei ausgewählten repräsentativen Anlässen begleiten.

Umgekehrt ermöglicht das Forum seinen Mitgliedern einen direkten Austausch mit der Universitätsleitung und mit Forschenden der UTN. Themen können etwa Künstliche Intelligenz, Digitalisierung, Future Skills, Talententwicklung oder neue Ansätze für Forschung und Transfer sein. Ziel ist es, wissenschaftliche Perspektiven frühzeitig mit konkreten Herausforderungen aus Wirtschaft und Gesellschaft zusammenzubringen.

Das Forum ist bewusst nicht als klassisches Gremium mit festen Sitzungsterminen oder formalen Verpflichtungen angelegt. Jedes Mitglied erhält eine persönliche Ansprechperson aus der Universitätsleitung. Form, Häufigkeit und Umfang des Austauschs werden individuell vereinbart. Es soll aber auch den Austausch der Universität mit wichtigen Akteurinnen und Akteuren aus ihrem Umfeld intensivieren. Der Stand ist derzeit, dass es eine Liste mit Namen von interessanten Personen für diesen Kreis gibt und schon vereinzelt Gespräche geführt wurden.

Schaufenster der UTN-Anlaufstelle im ehemaligen Kaufhof mit grün leuchtendem Schriftzug „Meet the UTN“

„Meet the UTN“ im ehemaligen Kaufhof: Die Anlaufstelle der Technischen Universität Nürnberg schließt zum Jahresende. Für Miete und Personal fehlt das Geld. | Foto: © Janine Beck

UTN-Anlaufstelle im ehemaligen Kaufhof schließt

Während es offenbar tatsächlich gelingt, dass aus einer Erbschaft eine Villa in den Besitz der UTN kommt, Studenten aus unterschiedlichen Kulturkreisen das Zusammenleben kreativ selbst gestalten können, ist der Traum von einer UTN-Anlaufstelle mitten in der Stadt ausgeträumt: Der Info-Raum im ehemaligen Kaufhof für die UTN wird zum Jahresende geschlossen. Für Miete und Mitarbeiter ist kein Geld mehr da.

 

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