Die neue Dauerausstellung im Nürnberger Dokumentationszentrum untersucht die Macht der NS-Propaganda. Die Verantwortung für diese Geschichte reicht weit über die Stadt hinaus. | Foto: © Janine Beck
Die Bauten stehen noch, die Zeitzeugen werden weniger. Das Dokumentationszentrum in Nürnberg erklärt, wie die Nationalsozialisten ihre Macht inszenierten und Zustimmung organisierten. Mit seiner neuen Dauerausstellung “Nürnberg und die Reichsparteitage” setzt es diese Arbeit fort. Wer die Geschichte für erledigt hält, macht es sich zu leicht.
Ausstellungseröffnung im Livestream
Am Mittwoch, 4. November, feiert das Dokuzentrum sein 25-jähriges Bestehen und eröffnet offiziell die neue Dauerausstellung “Nürnberg und die Reichsparteitage”. Auch von zu Hause aus lässt sich der Festakt mitverfolgen. Der Livestream startet gegen 10.55 Uhr, die Veranstaltung beginnt um 11 Uhr. Eine Übersetzung in Deutsche Gebärdensprache ist dabei.
Wer die Ausstellung selbst besuchen möchte, kann das wieder ab Donnerstag, 5. November. Am 3. und 4. November bleibt das Haus wegen der Eröffnung geschlossen.
Ein neuer Blick auf die Propaganda der Nazis
Als vor 25 Jahren das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände eröffnet wurde, war nicht abzusehen, dass es Jahr für Jahr so viele Besucher aus der ganzen Welt anzieht. Gerechnet hatte die Stadt jährlich mit rund 100.000 Besuchern und darauf waren auch Kapazitäten des Dokumentationszentrums ausgelegt, es kamen im Durchschnitt aber rund 200.000, mal etwas weniger, mal etwas mehr. Die Besucher wollten sich über den zentralen Ort im Propaganda- und Verführungssystem der Nationalsozialisten informieren lassen. 50 Prozent der Besucher kamen und kommen aus dem Ausland.
Das Reichsparteitagsgelände ist ein Erinnerungsort und kein Gedenkort, sonst könnte der Kongresshallentorso auch nicht mit dem Opernhausinterim kulturell genutzt werden. Dass die neue und erweiterte Dauerausstellung „Nürnberg und die Reichsparteitage“ im Dokuzentrum die Rolle des Reichsparteitagsgeländes mit noch größerer inhaltlicher Tiefe erklärt, ist wichtig, denn die Zeitzeugen, die an diese schreckliche Zeit erinnern können, werden immer weniger. Zwar gibt es meterweise Bücher über den Nationalsozialismus, doch die Inaugenscheinnahme des Geländes ist durch nichts zu ersetzen, um die Dimension der Reichsparteitage zu erfahren und den damit einhergehenden Größenwahn.
Die Strategien der Nationalsozialisten sind zwar individuell und einzigartig, doch die totalitären Machthaber in anderen Ländern, die ebenfalls den jeweiligen Staat mit Gewalt usurpieren, Menschen demütigen, quälen und töten, ähneln in ihrem Handeln den Nazis. Deshalb ist es wichtig, die Geschichte des Reichsparteitagsgeländes in aller Tiefe zu erklären. Faschismus, Nationalsozialismus und Totalitarismus benötigen Propaganda, um die Menschen zu verführen.
Die Grenzen des Verstehens
Es geht nicht darum, mit dem Dokumentationszentrum eine Vergangenheit aufzuarbeiten. Nur nebenbei, das ist eine dumme Formulierung, denn Vergangenheit lässt sich nicht wie ein Stapel Holzscheite aufschichten, sondern nur intellektuell in groben Zügen verstehen. Die anthropologische Dimension von Geschichte, die individuellen Gewalterfahrungen, die fortwirkenden Traumata und zerstörten Zukunftsträume sind außerdem für die Nachgeborenen nicht erfahrbar. Sie bleiben nüchterne Fakten. Der Tod ist nicht verstehbar und nicht hintergehbar. Die Nationalsozialisten haben Millionen Menschen ermordet, diese Verbrechen können durch Vernunft allein nicht vollständig verständlich werden.
Aber eine Dokumentation der Taten, wie es dazu kommen konnte, hilft den Nachgeborenen, damit zurechtzukommen. Das Dokumentationszentrum wird bei seinen Arbeiten in den nächsten Jahren aber aufpassen müssen, dass es nicht zu einer Überpädagogisierung kommt und die jugendlichen Besucher das Begleitprogramm zur Ausstellung ablehnen. Viele jugendliche Migranten müssen auch erst einen Zugang finden: Der Nationalsozialismus ist originär nicht ihre Geschichte. Viele haben selbst aber andere Gewalterfahrungen gemacht.
Nürnberg wird aufpassen müssen, dass es nicht versucht, die gesamte Geschichte zwischen 1933 und 1945 darzustellen und zu erklären. Die Reichsparteitage als Schauseite der Diktatur sind ein Teil des Nazi-Propagandanetzwerks und die Nürnberger Gesetze sind eine wesentliche Grundlage für die nationalsozialistische Unterdrückungsmechanik. Mit der neuen Ausstellung des Dokumentationszentrums wird der didaktische Umgang mit diesem Teil der deutschen Geschichte weiter vertieft werden. Angesichts der zunehmenden antisemitischen Strömungen und der rechtsextremistischen Verharmlosungen muss auch demokratisch dagegengehalten werden. Wenn wir aus der Nazi-Geschichte nichts gelernt haben, ja wann denn dann?
Historische Schlagzeilen auf digitalen Schriftbändern in der neuen Dauerausstellung “Nürnberg und die Reichsparteitage”. | Foto: © Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände
Erinnerung ist eine gesamtdeutsche Aufgabe
In den vergangenen Jahren hört man vonseiten der neuen Bundesländer, dass ihnen der Umgang mit der Geschichte des Nationalsozialismus von den alten Bundesländern aufgedrückt wird. Dahinter steht der Vorwurf, der Osten hat genug unter Sozialismus und Kommunismus zu leiden gehabt. Jetzt müsse er sich nicht auch noch mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen. Es müsse auch mal Schluss sein.
Zu Ende gedacht, bleibt dann die historische Last des Nationalsozialismus an den westlichen Bundesländern hängen. Bei den zurückliegenden Koalitionsverhandlungen der Bundesregierung in Berlin hat es erhebliche Widerstände aus den neuen Bundesländern gegen eine Stiftung, die sich um Nazi-Relikte wie die Kongresshalle in Nürnberg als Teil der deutschen Erinnerungskultur kümmert, gegeben.
Zum Weiterlesen: Hitler als Pointe – was Nürnberg sich nicht leisten darf. | Foto: © Janine Beck
Der verordnete Antifaschismus der DDR wirkt nach
Dieses Verhalten ist eine späte Folge des Selbstverständnisses der untergegangenen DDR, mit deren Gründung es angeblich einen historischen Neuanfang im Osten gab. Kapitalismus, Antisemitismus, Rassismus und Faschismus seien von Staats wegen in der DDR per definitionem nicht mehr möglich. Deshalb muss an diesen Teil der Geschichte auch nicht mehr erinnert werden. Dass es nötig wäre, macht das nationalistische Gedankenamalgam der AfD und des BSW deutlich. Da hat es keine Erinnerung und keine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Folgen gegeben. Wenn die Parteien ehrlich wären, dann hat es bislang auch keine Debatte über die Folgen des Sozialismus gegeben.
Es gibt den Satz von Winston Churchill, dass, wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. Hoffentlich nicht. Deshalb ist das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände wichtiger denn je. Churchill hat den Spruch im Übrigen von dem Philosophen George Santayana abgekupfert.
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