Ist Nürnberg schön?

 

Eine Bank am richtigen Ort, stimmungsvolles Licht, ein Platz, auf dem man bleiben möchte: Nürnbergs Altstadt lebt auch von Details. Doch genau die werden zu oft dem Zufall überlassen. André Fischer fordert mehr Sorgfalt im Umgang mit der Stadt – und findet im Germanischen Nationalmuseum ein Beispiel dafür, wie es gehen kann.

 
 

Eine Stadt braucht mehr als schöne Fassaden

Vielleicht haben Sie sich auch schon einmal die Frage gestellt, warum Städte wie Barcelona, Venedig, Siena, Kopenhagen, Amsterdam, Florenz oder Paris von Touristen überlaufen sind? Dagegen Städte wie Bochum, Bielefeld, Gelsenkirchen oder Oberhausen nicht.

Während erstere sich überlegen, wie sie die Touristenströme kanalisieren können, freuen die an zweiter Stelle genannten Städte sich über jeden Besucher. Ihre Einwohner mögen mir verzeihen und es gibt dort sicherlich etwas zu entdecken, aber die erste Liga beim Tourismus ist das nicht. Es geht hier aber um keine Auf- oder Abwertung von Städten. Die Oppositionspaare sollen nur verdeutlichen, wo die Probleme für Nürnberg liegen.

Die fränkische Metropole gehört weder in die erste Reihe der attraktiven Touristenstädte noch zu den No-Names, sie steht dazwischen und lässt sich den eher besseren Touristenattraktionen zuordnen.

Ja, und warum fahren alle gerne nach, sagen wir, Florenz, wenn sie noch ein Hotelbett bekommen? Weil es eine schöne Stadt ist, die historisch etwas erzählen kann und deren Wahrnehmung aufgrund ihrer Harmonie und Gesetzmäßigkeit positiv auf uns wirkt. Florenz ist eine ästhetische Stadt wie Barcelona, Venedig, Kopenhagen, Siena und Paris auch, geschmackvoll und steckt voller sinnlicher Erkenntnisse für die Besucher. Da möchte man sich gerne aufhalten.

Nürnbergs Schönheit ist auch ein Wirtschaftsfaktor

Der Tourismus ist für viele Städte und Regionen ein maßgeblicher Wirtschaftsfaktor. Nürnberg steht respektabel da, denn immerhin 3,9 Millionen Übernachtungen wurden im vergangenen Jahr gezählt. Die Touristen gehen essen, gönnen sich einige Gläser Wein oder kaufen sich Mitbringsel und leider viel zu wenige gehen auch einmal ins Opernhaus oder ins Max-Morlock-Stadion. Da bleibt trotzdem viel Geld in der Stadt, von dem am Ende alle profitieren.

Nürnberg ist schon lange keine reine Industriestadt mehr. Das setzte schon in der Romantik, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, ein. Die ehemalige Reichsstadt, obwohl verarmt, zog in den vergangenen 200 Jahren immer wieder Touristen an, weil sie als der Idealtyp einer mittelalterlichen deutschen Stadt galt. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind davon nur Reste übriggeblieben. Die stadtbildprägenden Gebäude wurden zum Glück wieder aufgebaut.

Wie die Altstadt ihre Abendstimmung verliert

Umso wichtiger ist, dass Nürnberg seine Ästhetik pflegt und sie noch besser herausstellt. Das ist kontinuierliche Arbeit. Es muss sich um Ecken und Plätze gekümmert werden, damit man sich hinsetzt, um die Schönheit der Stadt zu genießen. Am Ende der neunziger Jahre hatte der ehemalige Baureferent Walter Anderle mit seinen Mitarbeitern die Idee, historische Gebäude und Plätze besser auszuleuchten. Es sollte kein hartes Industrielicht mehr sein.

Einer österreichischen Lichtfirma gelang mit dem Sebalder Platz, der Sebalduskirche und dem fertig renovierten Schürstabhaus geradezu ein Meisterstück an moderater Beleuchtung. Leider wurde nur noch einmal beim Krakauer Haus eine solche stimmungsvolle Installation gewagt. Schade. Das war ästhetischer Mehrwert für Besucher und Bewohner.

Die Entwicklung geht leider wieder in die ganz andere Richtung. Nürnberg wurde herabgedimmt, um Tiere in der Nacht nicht zu stören und um Strom zu sparen. Die abendliche Stimmung in der Stadt ist nichts mehr Besonderes. Da kann man auch gleich nach Erlangen fahren.

Bäume in schwarzen Pflanzkübeln mit rot-weißen Warnmarkierungen vor einer historischen Fassade St. Sebald mit steinernem Erker in Nürnberg am Sebaldusplatz.

Mehr Grün, aber auch mehr Schönheit? Mobile Bäume in schwarzen Pflanzkübeln vor historischer Kulisse in der Nürnberger Altstadt. | Foto: © Janine Beck

Bänke, Bäume und das fehlende Gespür fürs Ganze

Es wurde an dieser Stelle schon mehrfach darüber geklagt, dass die Bauverwaltung oder SÖR, wer auch immer im Einzelfall zuständig ist, das nötige Händchen fehlt, um bei der Sanierung eines wichtigen Platzes oder Gebäudes, seine Ästhetik herauszukehren. Mal wurden die Bäume vergessen, dann wird ein Mülleimer mitten auf einen Platz gestellt oder es werden die falschen, weil unpassenden Fahrradständer einbetoniert.

Es gibt ein Gestaltungshandbuch für die Nürnberger Innenstadt, damit der Tourist eine in sich stimmige Möblierung erlebt. Zu oft bleibt es aber im verschlossenen Behördenschrank oder es wird nicht aufgeschlagen.

Mobile Bäume werden fast wie mit einer Streusandbüchse verteilt, Bänke, wenn es sie denn überhaupt gibt, werden nach dem Zufallsprinzip verteilt und man hat den Eindruck, dass Straßen und Plätze ohne Maß und Ziel aufgerissen werden. Das Umfeld beim Vertriebenen-Denkmal ist eine Dauerbaustelle. Die Gestaltung Nürnbergs im Detail ist zu vielen wurst, da fehlt die Liebe zu den richtigen Dingen.

Neben dem Baukunstbeirat, der leider die Bauherren nicht zwingen darf, ihre Gebäude schöner zu machen und nur Empfehlungen aussprechen kann, sollte es auch einen Tisch für die ästhetische Aufwertung Nürnbergs geben. Dort soll auf Details geachtet werden, damit das Ensemble in sich stimmig ist. Schönheit ist nicht überzeitlich festlegbar, das wusste schon Albrecht Dürer, aber es gibt geschmackliche Prinzipien, deren Einhaltung Nürnberg schöner macht. Lasst es uns versuchen.

Germanisches Nationalmuseum: So geht Schönheit

Wer ein Beispiel für gelungene Ästhetik braucht, der sollte sich die Rasenfläche im Germanischen Nationalmuseum einmal ansehen. Perfekt eingepasst zu den umliegenden Ziegelhäusern kann man in dem kleinen Café das Leben mit einem Blick auf den gepflegten Rasen genießen und sich in der Fantasie in eine englische Kleinstadt versetzen. Einzigartig in Nürnberg und kaum einer kennt das Rasenstück. So geht Schönheit.

 

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