Der Club und die Bequemlichkeit des Mittelmaßes

 

Neun Meisterschaften, ein Stadionprojekt für 300 Millionen Euro – und Platz acht in der Zweiten Liga. | Illustration: © Paul Blotzki

SV Elversberg steigt mit 13.000 Einwohnern, 7.500 Mitgliedern und einem Etat von zehn Millionen Euro in die 1. Bundesliga auf. Was der 1. FC Nürnberg – neunmaliger deutscher Meister, 300-Millionen-Stadionprojekt und Platz 8 in der zweiten Liga – von diesem Provinzverein lernen könnte, und warum er es wahrscheinlich nicht tut.

 
 

Lehrstück Elversberg: Kontinuität schlägt Budget

Es geht also doch. Der Provinzverein SV Elversberg hat den Aufstieg in die erste Fußballbundesliga geschafft. Der Ort Elversberg-Spiesen hat 13.000 Einwohner. Der Verein 7.500 Mitglieder und der Etat liegt bei etwas über zehn Millionen Euro. Im Vergleich dazu ist Heidenheim ein Großverein.

Geld schießt zwar nicht automatisch Tore. Aber ein Aufstieg gelingt, wenn systematisch gearbeitet wird, auch mit weniger Geld. Da können sich die Verantwortlichen der Fußballvereine in Kaiserslautern, Karlsruhe, Nürnberg und nach dem Abstieg ganz besonders in Düsseldorf ein Vorbild an Elversberg nehmen.

Wie in Freiburg haben sich die Vereinslenker in Elversberg nie durch ein Scheitern entmutigen lassen, sondern am großen Traum weiter mitgewirkt. Chapeau.

Innenansicht des leeren Max-Morlock-Stadions in Nürnberg mit Blick auf die Gegentribüne unter der Dachkonstruktion.

Ein Zukunftsprojekt mit großen Fragezeichen – das Nürnberger Max-Morlock-Stadion soll für rund 300 Millionen Euro modernisiert werden, was sportlichen Erfolg voraussetzt. | Foto: © Janine Beck

Der stolze Stillstand des Altmeisters

Doch zurück nach Nürnberg. Es wird wahrscheinlich in der ehemaligen Fußballhochburg der SV Elversberg nicht zum Vorbild ausgerufen werden, denn, wer lässt sich schon als Verein mit neun deutschen Meisterschaften herab und nimmt einen Newcomer ohne Tradition einmal genau unter die Lupe?

Das ist aber falsch, der Club tritt auf der Stelle. Es war sicherlich richtig, dass die Chefs in Nürnberg für die zurückliegende Saison keine Aufstiegsambitionen ausgerufen haben und sich mit dem 7. Platz zufriedengegeben haben. Es wurde der 8. Platz. Nun ja. Kleinlich wollen wir nicht sein. Aber das reicht an Ambitionen auf Dauer nicht für einen großen Verein.

In einzelnen Spielen oder Spielabschnitten hat die Mannschaft in der vergangenen Saison gezeigt, dass sie guten bis sehr guten Fußball spielen kann. Woran es liegt, dass die Qualität nicht ein ganzes Spiel aufrechterhalten werden konnte, bleibt ein Rätsel. Es wurde im Verlauf der Saison auch nicht besser. Aus Fehlern wurde offenbar nicht gelernt.

Chatzialexiou Drehtür

Sportvorstand Joti Chatzialexiou hat den Verein durch eine geschickte Einkaufspolitik in den vergangenen zwei Jahren zwar gerettet, weil die nach Nürnberg geholten Spieler sich zum Teil sehr gut entwickelt haben und teuer weiterverkauft werden konnten. Die hohen Altschulden konnten so abgetragen werden und der Club steht erstmals seit Jahrzehnten finanziell solide da.

Das ist gut, aber der Verein darf sich nicht darauf einrichten, stets die besten Spieler weiter zu verkaufen, wenn er kein reiner Ausbildungsverein bleiben will, was er derzeit ist.

Miroslav Klose als Trainer des 1. FC Nuernberg vor dem Max-Molock-Stadion

Miroslav Klose – Die Hoffnung trägt noch seinen Namen. | Foto: © J. Beck

Der nette Herr Klose

Mit Miroslav Klose hat der Club einen ausgesprochen sympathischen Trainer, der die einzelnen Spieler weiterbringt und noch immer angesichts seiner Bescheidenheit über einen hohen Kredit bei den Fans verfügt, doch nach zwei Jahren sollten die Ansprüche höher angesetzt werden.

Wenn die guten Spieler im Sommer wieder weg sind und die Bastelei am Rückgrat der Mannschaft von neuem beginnt, dann wird das die Geduld der Fans strapazieren. Überstrapazieren? Auch die von Klose?

Es besteht die Gefahr, dass nach Jahrzehnten der Überschätzung der eigenen sportlichen Fähigkeiten und finanziellen Möglichkeiten ein Phlegma der Ambitionslosigkeit sich ausbildet, nach dem Motto „nur ja nicht zu starken Druck auf die Mannschaft ausüben“ und „es genügt ja, einen jungen Fußballer, der seinen Weg machen wird, ein Jahr lang in Nürnberg zu sehen“. Nein, das genügt nicht! Außerdem ist etwas Druck immer gut!

Die Fans in Nürnberg haben mit ihrem Verein viel Geduld in den vergangenen 30 Jahren bewiesen. Gut, der 1. FC Nürnberg ist nie ganz untergegangen wie andere Vereine oder lange in der Versenkung verschwunden wie 1860 München, Rot-Weiss Essen oder der 1. FC Saarbrücken, das Potential für eine erfolgreiche Mannschaft ist in der Region doch vorhanden, wenn kontinuierlich gearbeitet wird. Das mag sehr naiv klingen, denn das Umfeld des 1.FC Nürnberg ist unruhig und zu viele wollen mitreden.

Mitgliederversammlung als Pranger

Vielleicht sollte sich der Verein einmal überlegen, ob die Satzung so bleiben kann. Aus dem Nichts heraus können in Jahreshauptversammlungen gute Leute aus dem Aufsichtsrat herausgekegelt werden, von Pseudo-Fans, die eine Bilanz nicht lesen können.

Welcher Unternehmer oder Fachmann tut sich das an, an den Pranger auf einer Mitgliederversammlung gestellt zu werden, nur weil er unbequeme Fragen stellt oder aber es haben sich schon im Vorfeld Ultras zusammengetan, weil ihnen die Nase eines Vorstands nicht gefällt.

Die Abwahl von Thomas Grethlein 2023 aus dem Aufsichtsrat wurde im Nachhinein als Unfall deklariert. Es war die Folge eines Strukturfehlers der Satzung. Der 1. FC Nürnberg lässt sich nicht erfolgreich als amateurhafter Verein auf Dauer führen. In Freiburg geht das, in Nürnberg und bei den meisten anderen Bundesligavereinen geht das nicht.

Die 300-Millionen-Euro-Pflicht

Freistaat, Stadt und der Club wollen in den nächsten Jahren ein neues Stadion für 300 Millionen Euro bauen. Das Konzept steht, die Finanzierung in groben Zügen auch. Offenbar hat die Stadt dem 1. FC Nürnberg eine feste Summe, die er bis zum Baubeginn beibringen muss, erlassen. Er soll seinen Anteil an den Baukosten über die Jahre hinweg durch Einnahmen aus Spielen oder mit neuen Veranstaltungen abfinanzieren. Das geht aber nicht über einen Mittelfeldplatz in der Zweiten Bundesliga. Die Musik spielt oben, nicht im Keller.

 

Transfermarkt: Zuhause in der 1. Liga gesucht

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