Ehrlich währt am längsten – wirklich?

 
Pavian mit weit geöffnetem Maul im Nürnberger Tiergarten - das Tier scheint zu brüllen oder zu gähnen

Aufschrei am Paviangehege: Die Tötung von zwölf Tieren im Tiergarten Nürnberg sorgte für heftige Proteste. | Foto: © Janine Beck

 
 

Tiergarten-Chef zwischen allen Fronten

Dag Encke, der Leiter des Nürnberger Tiergartens, ist eine der kompetentesten und ehrlichsten Persönlichkeiten in der Stadtgesellschaft. Entscheidungen werden von ihm umfänglich und nachvollziehbar begründet. Der Tiergarten in Nürnberg ist kein Tierasyl, sondern eine wissenschaftliche Einrichtung, die den Menschen das Leben gefährdeter Tiere näher bringt, damit sie ein Verständnis entwickeln.

Der Tiergarten soll das Überleben von Tierarten, die vom Aussterben bedroht sind und hier aufgenommen wurden, sichern. Dazu gehört eben auch ein Populationsmanagement. Sonst würden die Bestände einiger Tierarten immer größer werden und sie könnten dann nicht mehr artgerecht untergebracht werden. Dass Tiergärten nötig sind, mag man bedauern, es liegt aber an uns Menschen: Wir nehmen den Tieren ihre Lebensräume weg.

Gescheiterte Alternativen am Schmausenbuck

Vor vier Jahren hatte Encke begonnen, darauf hinzuweisen, dass die Gruppe der Paviane zu groß für das Gehege am Schmausenbuck wird und die Tiere darunter leiden.

Eine Vergrößerung des Geheges ist wirtschaftlich nicht möglich. Alle Versuche, Tiere abzugeben, scheiterten. Es blieb nur noch das letzte Mittel, Paviane zu töten, damit die Überlebenden besser untergebracht werden können.

Häufig gestellte Fragen zur Pavian-Tötung

Morddrohungen und Polizeischutz für Encke

Der Aufschrei in der Öffentlichkeit war gewaltig, obwohl Encke nichts unversucht gelassen hat, den Sachverhalt der Öffentlichkeit zu erklären.

Als am 29. Juli von 43 Pavianen 12 getötet wurden, erhielt Encke neben Bergen von unflätigen E-Mails auch Morddrohungen. Er musste unter Polizeischutz gestellt werden. Enckes Ehrlichkeit wurde nicht belohnt.

Im Netz kotzte sich jeder vermeintliche Tierfreund aus. Andere Tiergartenchefs in Deutschland hätten ähnlich wie Encke gehandelt, aber diese Entscheidung wahrscheinlich nicht öffentlich gemacht.

Welcher Tiergartengänger zählt schon bei seinen regelmäßigen Besuchen immer die Anzahl der Tiere im jeweiligen Gehege. Bei 43 Pavianen verliert man schon mal die Übersicht. Diese Ehrlichkeit ehrt Encke. Tiere fressen nun einmal Tiere, auch das gehört zum Leben dazu.

Viele Tierfreunde wollen das nicht wahrhaben, denn nach der Tötung der Paviane erreichte die Tiergartenerregungskurve im Netz noch einmal neue Höhen, als der Tiergarten das Pavianfleisch verfütterte.

Selbst ernannte Tierexperten fordern den Tod von Encke und auch von OB Marcus König. Sie wurden mit Bergen von Anzeigen konfrontiert. Geholfen haben dabei sicherlich professionelle Tierfreunde, die von ihrer Empörung als Spendensammler und Strategen leben.

Paviangruppe im beengten Gehege am Schmausenbuck - mehrere Tiere in und vor einer Höhle verdeutlichen das Platzproblem

Das Paviangehege im Nürnberger Tiergarten: Platzmangel führte zur kontroversen Entscheidung. | Foto: © Janine Beck

Ehrlichkeit statt schöner Schein

Encke hätte es sich natürlich leichter machen können und das Fleisch wäre an nicht einsehbaren Stellen verfüttert worden. Auch hier demonstrative Ehrlichkeit von ihm. Wollen die Menschen in Deutschland lieber belogen werden und eine heile Welt vorgespielt bekommen? Der Tiergarten als reine Unterhaltungseinrichtung, die nur den schönen Schein der Tiere zeigt? Das ist die reale Welt im Fernsehformat.

Hoffentlich nicht. Auf der Couch kann man leicht den Tierfreund geben, aber das passt nicht mit dem Wissen von Tierexperten zusammen. Die allgemein verbreitete Vermenschlichung von Tieren hat weniger das Tierwohl im Blick, sondern nur die eigene Sentimentalität. Die Praxis, tote Tiere oder Teile von ihnen zu verfüttern, ist auch in anderen Tiergärten üblich. Zuletzt gab es eine Aufregung darüber, dass in Dänemark eine tote Giraffe im Zoo von Wildtieren gefressen wurde.

Ja, vielleicht war es für sie ein Leckerbissen und die Menschen wenden sich mit Grausen ab. Wir wissen aber leider nicht, wie Tiere sich fühlen, wir behaupten es nur.

Mut in der Kritik

Was man von Encke lernen kann, ist Mut und Contenance. Er tauchte in der schwierigen Situation nicht ab, sondern stellte sich den Kritikern, die ihn zum Teil heftig angegangen sind. Dabei hat er Besonnenheit und Haltung gezeigt. Ob es eine tiefergehende Debatte zu dem Thema geben wird, die der Nürnberger Tiergarten-Direktor angestoßen hat, ist derzeit offen. Er wünscht es sich. Wahrscheinlich werden wieder Verdrängungsmechanismen einsetzen, weil nicht sein darf, was man nicht sehen möchte.

Dass zwölf Paviane für eine Empörungswelle in solchen Höhen sorgen, lässt einen leicht an der Gesellschaft verzweifeln. Menschliche Schicksale können dabei nur noch schwer mithalten und erfahren deutlich weniger Empathie.

 

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