Gift, Galle und Pfirsich-Joghurt-Torte

 
Illustration des zornigen Kabarettisten Matthias Egersdörfer mit Dampf aus den Ohren in Pfirsichtönen.

Unter Hochdruck: Matthias Egersdörfers Auftritt beim Deutschen Kabarettpreis 2026 löste eine Debatte über die Grenzen von Satire aus. | Illustration: © Paul Blotzki

  • Moderator Matthias Egersdörfer nutzte den Kabarettpreis 2026 zur scharfen persönlichen Abrechnung mit Kulturbürgermeisterin Julia Lehner und Gerd Schmelzer.

  • Obwohl Vorwürfe zum Zukunftsmuseum (Augustinerhof) laut wurden, belegen Gutachten keine unrechtmäßige Einflussnahme durch das Ehepaar Lehner/Schmelzer.

  • Während Egersdörfer polarisiert, setzt Bürgermeister Christian Vogel mit seinem Backbuch „Back‘ mers!“ ein versöhnliches Zeichen zum Dienstende.

 
 

Der Kabarettpreis als Schafott: Egersdörfers Frontalangriff

Es gibt zwei Typen von Menschen. Die einen wollen es genau wissen, warum etwas geschehen ist und was der Fall ist. Dafür lesen sie auch mal ein Gutachten oder recherchieren in die Tiefe.

Der andere Typus Mensch weiß immer schon, wie etwas einzuordnen ist. Schmissig abgeurteilt und klar geordnet ist für sie die Welt. In Social-Media-Kanälen lässt sich unterhaltsam verfolgen, wie solche Vorurteile von anderen Teilnehmern willig aufgenommen werden. Der Applaus ist sicher.

Manchmal gelingt sogar eine La-Ola-Welle vor lauter Schenkelklopfen. Klar doch, Macht und Geld sind schlecht. Kann Erfolg erarbeitet sein? Aus dieser Perspektive selbstverständlich nicht. Erfolg macht korrupt. Kann gar nicht anders sein. Oder?

Beim Deutschen Kabarettpreis am vergangenen Samstag kam es zu einem Eklat, weil der Moderator Matthias Egersdörfer in seiner Laudatio nicht den Hauptpreisträger Christian Ehring vorstellte, was seine Aufgabe gewesen wäre, sondern sich in einer Art drastischen Publikumsbeschimpfung übte.

Treffen wollte Egersdörfer Kulturbürgermeisterin Julia Lehner und ihren Mann, den Immobilienentwickler Gerd Schmelzer.

Polemik statt Pointen: Chronik eines Eklats

Kultur muss immer wieder verstören, provozieren und Denkgewohnheiten aufbrechen, das darf dann auch mal heftig zugehen und Grenzen überschreiten.

Wenn aber nichts aufgebrochen wird, sondern nur altbekannte Vorurteile bedient werden und der Witz darin besteht, Adolf Hitler und Albrecht Dürer zu kombinieren oder die Nazi-Schickse Leni Riefenstahl als Folie für Lehners Handeln aufzurufen (Triumph des Willens), dann ist das von der Qualität her peinlich.

Auch wenn diejenigen, die an dieser Beschimpfung anonym mitgemacht haben, sich auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände sehr gut auskennen. Das war weder der Ort noch die Zeit für eine private Abrechnung von Matthias Egersdörfer samt Unterstützern mit Julia Lehner.

Die Satire-Falle: Wenn Humor zur puren Schmähung wird

Die Journaille machte es sich dabei zu einfach, wenn sie Egersdörfer die Kategorie Achtung „Satire“ zuruft und dann in NN und NZ formuliert „Satire darf alles. Klar“?

So klar ist das nicht, denn wo Satire steht, sollte auch Satire enthalten sein, sonst berufen sich Bundestagsabgeordnete von der AfD demnächst noch darauf, dass ihre grobmotorischen Demokratie-Witze auch als Satire auf den Bundestagsbetrieb gemeint sind.

Dass zur Berechtigung, den Begriff „Satire“ zu verwenden, angeführt wird, dass man selbst schon zum Opfer einer Satire wurde, macht die Sache nicht besser: Die Satire von Egersdörfer/Jürgen Roth bestand damals in der taz darin, mit sprachlich-drastischen Mitteln darauf hinzuweisen, dass der satirisch Gemeinte einen mit vielen Fehlern behafteten Kurztext auf die Seite eins einer großen Tageszeitung platzierte. Das lässt sich satirisch gut fassen.

Architektur der Vorurteile: Lehner, Schmelzer und die Fakten

Julia Lehner, die es in ihrer Amtszeit seit 2002 als Kulturreferentin und Kulturbürgermeisterin geschafft hat, das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände pädagogisch und ausstellungsmäßig auszubauen, die Kongresshalle für ein Opernhausinterim zu nutzen und Künstlerräume in den Nazi-Torso unterzubringen, wird doof angemacht, dass das ehemalige Reichsparteitagsgelände ein „Kongresszentrum“ wird, „ein neuer idealer Ort fürs Kindermalen“.

Humor kann alles und darf alles. Er darf auch deftig sein. Er kann uns unsere Eitelkeiten und Besserwissereien vorhalten, er kann das vermeintliche Große klein und das vermeintlich Kleine groß machen. Dann hätte Egersdörfer aber seinen Text besser durcharbeiten müssen. Wer den Nazi-Scheiß mit Humor in Verbindung bringt, der muss ein Könner sein.

Der Sippenhaft-Effekt: Privater Erfolg als politischer Malus

Egersdörfer hat eine Sammlung von Geschmacklosigkeiten geboten, die vermutlich von alten Feinden aus dem Umfeld der Kulturbürgermeisterin stammen, und sie mit persönlichen Anwürfen aufgepeppt.

Dass Lehner nur wenige Bücher geschrieben hat und der benötigte Papierverbrauch mit „vier Buchsbäumle“ gedeckt ist, hätte tatsächlich als Scherz durchgehen können, aber nicht, wenn er mit einem Lob auf Bücher von Hermann Glaser, dem früheren Kulturreferenten, die inzwischen zur Bückware im Kulturleben geworden sind und aus der Zeit gefallen sind, verbunden ist.

Ihre Arbeit für das Kulturleben Nürnbergs muss Lehner nicht hinter Glasers inflationärem Papierberg verstecken. Sie hatte einen Vertrag als Kulturreferentin und nicht als Autorin. Erinnert sei noch an die Kulturreferentin Karla Fohrbeck, die wie Glaser, vor allem mit Büchern, die heute keiner mehr kennt, sich wichtigmachen konnte. Da hätte man Bäume sparen können.

Nächtliche Außenansicht des Augustinerhofs in Nürnberg mit dem beleuchteten Schriftzug „Deutsches Museum Nürnberg“, einem hell erleuchteten Weihnachtsbaum auf dem zentralen Platz und moderner Architektur mit beleuchteten Fenstern.

Der Augustinerhof mit dem Deutschen Museum bei Nacht. Hinter der modernen Fassade verbirgt sich eine der meistdiskutierten Immobilienentscheidungen der Stadtgeschichte. | Foto: © Janine Beck

Augustinerhof-Fakten: Realität schlägt Vermutung

Aber, das sind alles nur Nebenkriegsschauplätze, denn Egersdörfer aktiviert mit seinem Text die „Sippenhaft“, ohne dass er es fachlich belegt und das Publikum schreit „Hurra“, „endlich sagt es einer“.

Er unterstellt mit seinem Text implizit, dass der Immobilienentwickler Gerd Schmelzer beim Bau des Zukunftsmuseums von seiner Frau als Kulturbürgermeisterin politisch profitiert hat. Wenn es so wäre, wäre dies justiziabel.

Der Schreiber dieser Zeilen hat über 30 Jahre auf der lokalen Ebene in Nürnberg gearbeitet und sich durch viele Gutachten gequält, vor allem beim Augustinerhof, Dutzende Hintergrundgespräche geführt, ob es politische Einflussnahmen auf die Geschäfte von Gerd Schmelzer gegeben hat. Gefunden wurde nichts.

Dass das Museum ein gutes Geschäft für Schmelzer war, sei hier nur am Rande vermerkt. Auch für Nürnberg, sonst müssten wir heute wahrscheinlich eine Pleite gegangene Kaufhausimmobilie auf dem Augustinerhof-Gelände wiederbeleben und hätten kein attraktives Museum. Die früheren Abousaidy-Pläne wären ökonomisch nie aufgegangen.

Journalismus im Netz-Zeitalter: Fairer Bericht oder Klick-Jagd?

Es wird dabei auch vergessen, dass guter Journalismus nicht davon profitiert, wenn er mehr weiß und es nicht an Nutzer weitergibt. Was mit dem „endlich sagt es einer“ an die Adresse von Journalisten mitgemeint ist.

Ja, woher weiß einer, dass da etwas ist? Skandalisieren durch Vermuten bringt gute Klick-Zahlen. Aber es sollte doch journalistisch fair sein? Oder? Haben auch wir uns nach Trump davon verabschiedet? Unterstellung – ist das die neue Wahrheit und die Währung im Netz?

Das Trump-Prinzip: Unterstellung als digitale Währung

Es ist immer wieder bemerkenswert, dass in der Vergangenheit vor allem Journalisten Dinge über Schmelzer behaupten, die Vorwürfe nur vom Hörensagen kennen.

Das passt aber zur kommunikativen Moderne, die vor allem mit Unterstellungen, Vermutungen, Suggestionen, Skandalisierungen und Behauptungen arbeitet.

Ja, der Immobilienentwickler hatte ungewöhnlichen wirtschaftlichen Erfolg und auch, zum Teil unverschämtes Glück gehabt, wie sich Projekte im Detail entwickelt haben.

Er hatte innovative Ideen, die sich am Ende durchgesetzt haben und er wird nicht immer Samthandschuhe dabei angehabt haben. Es soll hier kein Heiligenschein gebastelt werden. Reichtum weckt Neid. Kommen noch alte Rechnungen aus der Kulturszene hinzu, dann reicht das für die Publikumsbeschimpfung eines Ehepaares.

Nürnbergs Bürgermeister Christian Vogel lächelt in einer Küche, mit selbstgebackener Torte und seinem Backbuch "Back' mers!"

Zucker statt Zorn: Bürgermeister Christian Vogel verabschiedet sich mit 36 Rezepten – und backt gegen die Nürnberger Abrechnungskultur an. | Quelle: © Christian Vogel

Die süße Seite des Abschieds: Christian Vogels Diplomatie

Am Ende einer Stadtratsperiode gibt es nicht nur politische Abrechnungen, sondern auch nette Gesten. Das „Back‘ mers!“ Backbuch von Bürgermeister Christian Vogel ist so eine versöhnliche Geste.

Am Anfang waren drei Eier im Kühlschrank und Vogel wusste nicht, was er mit ihnen machen sollte. Der Sozialdemokrat entschloss sich, einen Kuchen zu backen, erzählt er: „Ich esse gerne Eier und gerne Kuchen.“ Seit einigen Jahren stellt er seine Rezepte ins Netz und hat ungewöhnlichen Erfolg.

„Back‘ mers!“: Ein Bürgermeister im Dienst der Versöhnung

Der Bürgermeister hört aus Gesundheitsgründen nach zwölf Jahren Ende April auf. Im Dezember hat er ein Buch mit einer Auswahl aus seinen 100 Backrezepten verfasst, und finanziert aus eigener Tasche drucken lassen.

1000 Exemplare mit 36 Rezepten hat er seinen Freunden und Freundinnen, Weggefährten und Weggefährtinnen als Dank für gute und faire Zusammenarbeit zu Weihnachten geschenkt. Die Freude der Beschenkten sei groß gewesen, so Vogel, dem es schwerfällt, politisch aufzuhören.

Pfirsich-Joghurt-Torte für die Stadt

Als dann Klaus Schamberger vor wenigen Tagen in der NZ und NN „Back‘ mers!“ lobend besprach, gab es kein Halten. Über 400 Leserinnen und Leser wollten das Backbuch haben. Manche belagerten Vogel in seinen Amtsräumen und wollten ein Autogramm.

„Die Reaktion hat mir sehr gutgetan. Nachgedruckt wird es aber auf keinen Fall“, stellt der Bürgermeister fest. Er hat sich jetzt mit NZ und NN geeinigt, dass die Rezepte abgedruckt werden.

Backen ist für Vogel eine Herzensangelegenheit. Hoffentlich bleibt es das auch, wenn er aus dem Amt geschieden ist.

Das Originalrezept der Pfirsich-Joghurt-Torte aus Christian Vogels vergriffenem Backbuch „Back‘ mers!“. Ein Stück Versöhnung für den heimischen Kaffeetisch. | Quelle: © Christian Vogel

 

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