Glaube, Liebe, Stau

 
Langzeitbelichtung des Frankenschnellwegs in Nürnberg. Die Rücklichter der Autos bilden fließende rote Lichtspuren. Im Hintergrund ist eine Brücke mit Verkehrsschildern zu sehen, die vor Stau warnen und zur Bildung einer Rettungsgasse auffordern.

Trotz stadtweit sinkender Werte bleibt die Frequenz auf dem FSW mit über 42.000 Autos innerhalb von 16 Stunden extrem hoch. | Foto: © Janine Beck

Seit 2019 hat sich das Verkehrsaufkommen in der Nürnberger Innenstadt massiv verändert: Die Zahl der gezählten Autos sank in diesem Zeitraum um 22,6 Prozent auf rund 152.100 Fahrzeuge innerhalb von 16 Stunden. Besonders deutlich wird der Rückgang an der Stadtgrenze (Außenkordon), wo so wenige Autos wie seit 30 Jahren nicht mehr gemessen wurden. Während der Anteil des Autoverkehrs am Gesamtverkehr (Modal Split) von 38 Prozent auf 33 Prozent sank, verzeichnet der ÖPNV – insbesondere die U-Bahn – seit 2019 stetige Zuwächse.

 
 

Verkehrszählung Nürnberg 2025 – Die Zahlen

  • Autoverkehr Innenstadt: -22,6 % seit 2019

  • Fahrzeuge in 16 Stunden: 152.096

  • Anteil Autoverkehr: 33 % (2019: 38 %)

  • Einwohner: 546.886

  • Angemeldete Kfz: 303.560

  • Frankenschnellweg: 42.000 Autos/16h


Zahlen statt Sehnsucht in Nürnbergs Verkehrspolitik

In der Kommunalpolitik regieren noch oft die Reiche des Glaubens, Wünschens und Meinens. Die Debatten darüber, welche Entscheidung die richtige ist, werden dann nicht auf der Basis von Fakten, Statistiken und transparenten Berechnungen geführt, sondern von Sehnsüchten, wie man die Welt gerne hätte. Es war in den letzten 20 Jahren in Nürnberg wohltuend, dass etwa bei der Aufstellung eines Nahverkehrsplans oder eines Nahverkehrsentwicklungsplans die verkehrlichen Auswirkungen eines Lückenschlusses oder der Bau einer neuen Straßenbahnstrecke im öffentlichen Personennahverkehr und nicht das Wunschdenken in den Mittelpunkt gestellt wurden.

Straßenbahn-Träume und ihre Grenzen

Ja, es gibt nachvollziehbare Berechnungen, ob mit einem neuen Streckenstück mehr Fahrgäste angezogen werden und ob die Nachfrage so groß ist, dass sich der Bau rechnet. Leider kommt dann vielleicht heraus, dass eine Straßenbahn etwa in den Süden oder in den Westen von Nürnberg einfach nur teuer ist und verkehrlich kaum angenommen wird. Sie wird zwar weiterhin gefordert, hat jedoch zu Recht wenig Chancen, realisiert zu werden.

Angesichts des Klimawandels kann ein überzeugter ÖPNV-Anhänger natürlich einwenden, dass eine Straßenbahn nie zu teuer ist, auch wenn sie nur wenige Autofahrer zum Umsteigen auf den ÖPNV bewegt. Doch die finanziellen Ressourcen sind endlich, wie wir derzeit schmerzvoll lernen müssen. Einfach mal eine neue Straßenbahnstrecke in den Debattenring zu werfen, und dabei zu glauben, dass auf diese Weise Verkehrsprobleme gelöst oder der Klimawandel gestoppt werden kann, macht keinen Sinn.

Nürnberger Schülerinnen bei der Verkehrszählung. | Quelle: © Stadt Nürnberg

Die Verkehrszählung 2025 und ihre Ergebnisse

Ein wichtiges Instrumentarium bei der Planung der verkehrlichen Infrastruktur in Nürnberg ist die Verkehrszählung, die einmal pro Jahr im Sommer an zwei Tagen stattfindet. Es ist in der Regel im Juli. Um die Vergleichbarkeit über Jahre hinweg sicherzustellen, kann man sie auch nicht ausfallen lassen, wenn das Wetter schlecht ist. Im Juli 2025 hat es an einem Tag geregnet, sodass die Zahlen bei Radfahrern etwas zurückgegangen sind. Dem Autoverkehr haben die Regentropfen aber nicht geschadet. Wichtig ist das Zahlenwerk bei der Beurteilung des Pendlerverkehrs auf dem Außenkordon. Hat er zu- oder abgenommen? Muss der Ausbau von Straßen wieder diskutiert werden oder kann es auch einmal einen Rückbau geben? Zwar gab es in Nürnberg viele Beeinträchtigungen für die Autofahrer durch Baustellen, aber auch das lässt sich bei der Bewertung der Zahlen gewichten.

Grafik zeigt Verkehrsentwicklung Nürnberg 1976-2024: Außenkordon sinkt auf 483.434, Radverkehrsanteil steigt auf 10,6 Prozent

Fast 50 Jahre Verkehrsdaten: Am Außenkordon wurden 2024 noch 483.434 Fahrzeuge gezählt – der niedrigste Wert seit 30 Jahren. | Quelle: © Stadt Nürnberg, Verkehrsplanungsamt

Pendler: Der Homeoffice-Effekt bleibt

„Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass sich die nach der Pandemie gesunkene Verkehrsmenge am Außenkordon allmählich manifestiert.“ Wer das aufgemotzte „manifestiert“ nicht verwenden mag, der kann auch formulieren, dass das gesunkene Verkehrsaufkommen nach Corona bei den Ein- und Auspendlern nach und von Nürnberg nicht mehr gestiegen ist. Offenbar nutzen auch weiterhin sehr viele Menschen die Möglichkeit, Home-Office zu machen und lassen das Auto stehen.

U-Bahn-Station Plärrer – das Deutschlandticket hat die Nutzerzahlen im Nürnberger ÖPNV weiter steigen lassen. | Foto: © Janine Beck

Deutschlandticket und U-Bahn gewinnen Fahrgäste

Hinzu kommt noch die Einführung des günstigen Deutschlandtickets, sodass die Nutzerzahlen im ÖPNV in Nürnberg leicht gestiegen sind. Die U-Bahn legt seit 2019 stetig zu. Nur nebenbei: In anderen Verkehrsverbünden gibt es deutlich weniger Umsteiger.

Innenstadt: Autoverkehr auf Tiefstand

Auch im innerstädtischen Verkehr sinken in einigen Bereichen die gezählten Autos: Zwischen 2019 und 2025 reduzierte sich ihre Zahl um 22,6 Prozent. Es wurden innerhalb von 16 Stunden noch 152.096 Autos gezählt. An der Stadtgrenze wurden so wenige Autos beobachtet wie seit 30 Jahren nicht mehr. Auch die Zuläufe zur Rothenburger Straße und zur Schwabacher Straße gingen deutlich zurück. Das hat aber auch damit zu tun, dass der dort angesiedelte Recyclinghof verlagert wurde.

Mit über 42.000 Autos innerhalb von 16 Stunden ist die Belastung der Anwohner am Frankenschnellweg aber noch immer sehr hoch.

Parkplatz Adlerstraße in Nürnberg mit einem blauen Auto und vielen leeren Stellplätzen, Dächer im Hintergrund

Leeres Parkdeck in Nürnberg – der Autobesitz bleibt hoch, die Nutzung sinkt. | Foto: © Janine Beck

303.560 Autos – aber wer fährt noch?

Nürnberg hatte im Juli 2025 546.886 Einwohner und immerhin 303.560 angemeldete Kraftfahrzeuge, diese Zahl sank gegenüber dem Vorjahr nur unwesentlich. Da lässt sich trefflich spekulieren, warum Menschen, die nur noch selten ihr Auto bewegen, an diesem aber festhalten. Misstrauen sie dem ÖPNV-Angebot, das sich auf Dauer nur schwer finanzieren lässt oder hält man einfach am Auto fest, denn es ist ja da? Positiv ist, dass der Anteil des Autoverkehrs am gesamten Verkehrsaufkommen in Nürnberg auf 33 Prozent gesunken ist. 2019 lag er noch bei 38 Prozent. Die eingeleitete Verkehrswende greift, wenn auch langsam.

Aus dem Zahlenwerk geht nicht hervor, ob ein neuer Lückenschluss im ÖPNV-Bereich die Nutzerzahlen weiter nach oben treibt.

 

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