Nasser Ahmed im Interview: Wohnungsbau, N-Wort und das ICE-Werk
“Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht mit dem N-Wort von Rechtsextremisten diffamiert werde”: Nasser Ahmeds Großplakat am Karl-Bröger-Haus in Nürnberg. | Foto: © Janine Beck
"Nürnberg soll wieder Stadt der Chancen für alle werden"
Im März 2026 wählt Nürnberg einen neuen Oberbürgermeister – für SPD-Kandidat Nasser Ahmed beginnt die entscheidende Phase des Wahlkampfs. Im Interview mit nxrnberg.de erklärt er sein N-Wort-Plakat, seinen Plan für 400 Millionen Euro sozialen Wohnungsbau, warum er beim ICE-Werk anders entschieden hätte und weshalb er die Königstraße statt der Landesgartenschau zur Priorität machen will.
Nxrnberg: Was hätten Sie als OB von Nürnberg in den vergangenen sechs Jahren anders gemacht?
Nasser Ahmed: Wir haben sehr vieles miteinander gemacht. Mir ist auch wichtig, dass wir nach der Wahl mit dem Nürnberger Modell weitermachen. Aber es kommt darauf an, wer im Chefsessel sitzt und welche Schwerpunkte er setzt.
Bei der versuchten Ansiedlung des ICE-Werks (in Fischbach, Anm. d. Red.) hätte ich als Oberbürgermeister einen anderen Schwerpunkt gesetzt. Ich wäre vor der Bürgerinitiative nicht eingeknickt. Da gab es in der SPD auch unterschiedliche Auffassungen.
Wenn wir eine Industriestadt bleiben wollen, das weiß ich aus eigener Erfahrung, dann muss man mutig zu Ansiedlungen stehen und dann muss man manchmal auch etwas aushalten.
Nxrnberg: Von der SPD hat man zu den am Ende leider vergeblichen Bemühungen zur Ansiedlung des ICE-Werks wenig gehört, erst als die Entscheidung gefallen war, dass es nicht kommt. Ist das nicht nachträgliche Schönfärberei?
Ahmed: Das kann man so lesen. Wer sich aber unsere Presseerklärungen genau anschaut, der erkennt, dass wir uns sehr differenziert geäußert haben. Wir wollten es unbedingt in der Region halten. Wir hätten aber gerne noch etwas Auswahl gehabt.
Ich habe aber damals dafür gesorgt, dass unsere Stellungnahmen so aussahen, dass es, wenn es nur noch Fischbach gibt, das kein K.O.-Kriterium ist. Ich war damals noch kein Parteivorsitzender und auch kein Fraktionsvorsitzender.
Ich stehe auch für meine Linie innerhalb der Partei. Manchmal steht man da auch in der Kritik.
Nxrnberg: Warum möchten Sie OB von Nürnberg werden?
Ahmed: Aus der tiefen Überzeugung heraus, dass man als Oberbürgermeister mehr erreichen kann als nur verwalten. Ich bin der Überzeugung, dass Nürnberg mehr kann. Ich habe Nürnberg als weltoffene Stadt und als Stadt der Chancen in meinem Leben in der Südstadt kennengelernt.
Mir wird aber durchwegs gespiegelt, dass bei den Themen Wohnen, Bildung und Bezahlbarkeit es für den durchschnittlichen Nürnberger schon einmal besser war. Ich möchte dazu etwas beitragen, dass Nürnberg wieder die Stadt der Chancen für alle wird. Das ist mein tiefster Antrieb.
Nürnberg ist teurer geworden, weil es attraktiver wurde. Zwei Seiten einer Medaille. Ich will Nürnberg nicht schlechtreden, aber man muss die Probleme sehen, um sie lösen zu können.
Nxrnberg: Welche Charaktereigenschaften haben Sie, die Sie, als OB besonders auszeichnen?
Ahmed: Ich höre zu und bin ein ausgleichender Mensch. Es ist das Wesen der Demokratie, dass man sich widerstreitende Positionen anhört und dann versucht einen gemeinsamen Weg zu finden. Das ist nicht immer der Konsens. Ich bin, wenn ich mich einmal entschieden habe, ein durchsetzungsstarker Mensch.
Ahmed fordert ein schärferes Management, damit öffentliche Flächen nicht monatelang als Zwischenlager zweckentfremdet werden. | Foto: © Janine Beck
Sanktionen gegen Baufirmen sollen das Chaos beenden
Nxrnberg: Der Versuch, Baustellen miteinander zeitlich besser zu verzahnen wurde, in den vergangenen 25 Jahren schon mehrfach unternommen. Es gelang nicht. Was wollen Sie anders machen?
Ahmed: Wir müssen mutigere Wege gehen. Wir sollten uns auch eine kleine Scheibe von München abschneiden. Zwei Drittel der Baustellen sind privat. Auch wenn die Stadt Auftraggeberin ist, baut sie in vielen Fällen nicht selbst. Die Frage ist, kann man nicht alle Bauträger an einen Tisch holen und Rahmenbedingungen vereinbaren.
Darüber hinaus muss man sich fragen, ob man nicht auch mit Auflagen und Regulierungen dafür sorgen kann, dass Dinge reibungsloser laufen. In München wurde jetzt angekündigt, dass nach der Einrichtung von Baustellenspuren und der Sperrung von Autospuren es innerhalb von zehn Tagen losgehen muss, sonst muss zurückgebaut werden. Es kann dann nicht passieren, dass Baufirmen mehrere Baustellen einrichten und dann nur dort bauen, wo der Bedarf momentan am größten ist.
Wenn eine wichtige Verkehrsstraße vier Wochen gesperrt wird, dann muss da auch effizient gearbeitet werden. Wenn mit Baustellen zeitlich jongliert wird, dann muss dafür gezahlt werden. Die Sondernutzungsgebühren sollen erhöht werden, wenn die Baustellen länger als geplant dauern. Der öffentliche Raum darf nicht von Baufirmen als Depot oder als zeitlicher Puffer genutzt werden.
Das muss besser koordiniert werden. Wir brauchen einen Koordinator, der beim Oberbürgermeister angesiedelt ist. Er soll eine Gesamtkoordination auch für die städtischen Töchter wie N-Ergie, Stadtentwässerung und VAG machen.
400 Millionen gegen Sozialgettos
Nxrnberg: Wo sollen die 400 Millionen Euro für den Wohnungsbau herkommen, die Sie in den nächsten Jahren einsetzen wollen? Es soll vor allem sozialer Wohnungsbau gefördert werden. Wie wollen Sie Sozialgettos verhindern?
Ahmed: Ein Großteil des Geldes aus dem Sondervermögen möchte ich für den sozialen Wohnungsbau einsetzen. Bislang ist aber nicht klar, ob Nürnberg das selbst entscheiden kann. Wenn ich OB werde, dann verspreche ich aber, dass über Verhandlungen mit dem Freistaat ein Großteil des Geldes in den sozialen Wohnungsbau gesteckt wird. Aus dem Sondervermögen könnten bis zu 450 Millionen Euro nach Nürnberg fließen. Wohnen ist die größte soziale Frage in unserer Stadt.
Wir erleben leider seit wenigen Jahren, dass ganze Blöcke mit Wohnungen der untersten Kategorie der einkommensorientierten Förderung gebaut werden. Wir lehnen das als SPD ab, dass solche Wohnungen so komprimiert gebaut werden. Das ist leider aus verschiedenen Gründen so passiert, zum Beispiel im hinteren Teil von Lichtenreuth oder in Röthenbach. Es hätte eine bessere Durchmischung geben müssen.
Private Investoren haben aber nicht durchmischt gebaut, sondern verdichtet. Da hätten wir mehr politische Steuerung benötigt. Sozialpolitik und die Auszahlung der Fördermittel für den Bau von Sozialwohnung müssen in der Stadtverwaltung zusammengelegt werden.
Kritisch sehe ich auch, dass am Aufseßplatz versucht wird, 200 Wohnungen im untersten Bereich des sozialen Wohnungsbaus unterzubringen. Dort gibt es schon genügend soziale Herausforderungen. Wir brauchen auch hier eine soziale Durchmischung.
Die Königstraße hat Vorrang vor der Landesgartenschau
Nxrnberg: Die Strecke von der Burg zum Hauptbahnhof soll nach ihrem Willen eine Flaniermeile werden: Welche Maßnahmen sollen dabei helfen?
Ahmed: Ich wünsche mir da Grün, ich wünsche mir da Wasser, ich wünsche mir da mehr Lebens- und Aufenthaltsqualität. Wir müssen nicht vom Kaufhof herdenken, sondern von den Fußgängerströmen. Die meisten Menschen kommen von der Königstorpassage.
Die Königstraße wurde zwar komplett Fußgängerzone, aber für ihre Umgestaltung ist im ganzen mittelfristigen Investitionsplan kein Euro eingestellt. Wir müssen hier etwas machen, denn die Umgestaltung entscheidet darüber, ob sich die Menschen in der Innenstadt gerne aufhalten.
OB Marcus König behauptet immer, dass sowohl die Fußgängerzone umgestaltet wird als auch die Landesgartenschau 2030 kommt. Für beides ist aber kein Geld da.
Die Breite Gasse hat das Problem, dass der eine Zugang von der Königstraße tot ist und wir über die Zwischennutzung hinaus dauerhaft etwas verändern müssen. Nur die Breite Gasse grün zu machen, bringt zu wenig. Entscheidend ist die Königstraße. Sie braucht als Ganzes ein Update. Mit Grün, Sitzgelegenheiten und Wasser.
Nxrnberg: Die SPD ist grundsätzlich gegen die Landesgartenschau. Wollen Sie den fahrenden Zug noch komplett aufhalten? Da wird dann erheblich Geld vernichtet. Statt mehr Grün gibt es weniger.
Ahmed: Den grünen Finger in die Südstadt finden wir sehr gut, nicht nur weil er am Bröger-Haus der SPD vorbeigeht. Wir müssen das Grün zu den Menschen bringen, in deren Stadtteile es zu wenig gibt.
Das meiste Geld der Landesgartenschau soll aber in den Stadtgraben gehen. Ich kenne wenige Menschen, die das nachvollziehbar finden. Ich könnte das als Oberbürgermeister nicht verantworten. Wir würden zwar viele Fördergelder bekommen, doch als Stadt müssten wir auch 24 Millionen Euro aufbringe.
Wenn wir diese Summe in die Königstraße stecken, dann würde wir auch Städtebaufördermittel bekommen, mit einer Förderquote von 60 bis 80 Prozent. Das wäre wahrscheinlich mehr Geld als die gesamten Fördergelder für die Landesgartenschau. Wir schmeißen also kein Fördergelder weg.
Das SPD-Plakat „Besser mit Nasser“ setzt auf Durchsetzungsstärke und den Kontrast zum Status quo im Nürnberger Rathaus. | Foto: © Janine Beck
Nxrnberg: Sie versuchen immer wieder auf sich aufmerksam zu machen. Zuletzt mit dem Großplakat und ihrem N-Wort, das Nürnberg lautet. Könnten Sie bitte das Plakat vor dem Bröger-Haus erklären?
Ahmed: Es vergeht leider kein Tag, an dem ich nicht mit dem N-Wort – und zwar dem ausgeschriebenen – von Rechtsextremisten diffamiert werde. Ich habe mich deshalb entschieden, dass ein Statement von mir kommen muss. Ich bin optimistisch und lasse mich nicht unterkriegen oder einschüchtern. Aber ich möchte schon darauf hinweisen, dass es diesen Rassismus und diese Realität für schwarze Menschen gibt.
Ich lasse mir auch die Identität nicht von ein paar Rechtsextremen vorschreiben. Das entscheide ich schon selbst. Meine Identität ist Nürnberg und ich trete für ein Nürnberg an, das sich jeder leisten kann, in dem jeder Chancen bekommt und in dem jeder glücklich werden kann.
Die meisten Menschen, mit denen ich rede, verstehen den Hintergrund und für was ich stehe. Ich will damit sagen, dass Nürnberg so weit ist, dass das entscheidende Wort für jemanden wie mich Nürnberg ist. Egal, wo man herkommt, egal, wie man ausschaut, welche Religion. Es kommt nur darauf an, was man beitragen möchte, hat mein Vater immer gesagt. Es gibt nur eine kleine Minderheit von Rechtsextremen, die das anders sehen.
Nxrnberg: Wo sehen Sie die stärksten Unterschiede zwischen Ihnen und Ihren Mitbewerbern Marcus König (CSU) sowie Britta Walthelm (Grüne)?
Ahmed: Zu Marcus König: Ich möchte ein Oberbürgermeister sein, der gesellschaftliche Herausforderungen, wirtschaftliche Herausforderungen und die Probleme für die Menschen aufgreift und sie dann aus dem Oberbürgermeisteramt heraus strukturell bearbeitet. Das ist ein anderes Politikverständnis. Ich möchte weniger repräsentieren und vielmehr Dinge inhaltlich angehen und lösen.
Zu Britta Walthelm: Ich gehe mehr in die Kontroverse, sie steht mehr für Ausgleich. Demokratie braucht eine Streitkultur. Damit die Menschen nicht glauben, dass alle Parteien der demokratischen Mitte gleich sind. Dann gäbe es nur eine Alternative und die würde außerhalb der demokratischen Mitte liegen. Die Alternativen liegen aber innerhalb der demokratischen Mitte.
Wichtig ist mir aber zu sagen: Wir verstehen uns persönlich alle drei sehr gut.
Der Egersdörfer-Eklat beim Kabarettpreis bedient eher alte Vorurteile als neue Pointen. Eine Einordnung über die Grenzen der Satire, die Fakten zum Augustinerhof und die versöhnliche Kraft einer Pfirsich-Joghurt-Torte.