Hitler als Pointe – was Nürnberg sich nicht leisten darf

 
Kongresshalle am Dutzendteich in Nürnberg bei Sonnenuntergang –  Baukräne zeigen die laufende Sanierung des NS-Erbes am Reichsparteitagsgelände

Die Erinnerung an Nürnbergs NS-Erbe bleibt eine Baustelle. | Foto: © Janine Beck

Russlands Krieg gegen die Ukraine zwingt uns, Zuschauen neu zu definieren. Gleichzeitig provoziert ein Auftritt beim Deutschen Kabarettpreis in Nürnberg mit einem Hitler-Vergleich. Beides zeigt: Wie wir mit politischer Gewalt umgehen – auf der Bühne wie vor dem Bildschirm – ist eine Frage der Haltung.

 
 

Eine Annäherung

Ein zentraler Grund, warum ich Geschichte studiert habe, war, die Ursachen zu verstehen, warum Nationalsozialisten die Weimarer Republik zugrunde richten konnten und warum ein Land mit viel Kultur so viele Menschen willkürlich und gezielt ermordet hat.

Die Fragen mögen naiv sein, aber die Ermordung von Millionen Juden, fast wie am Fließband, lässt einen nicht mehr los, wenn man einmal begonnen hat, sich damit zu beschäftigen. Dabei ist die menschliche Geschichte voll von Menschenmonstern und scheinbar netten Menschen, die aber ebenfalls morden und Länder in den Abgrund führen können. Die menschliche Vernunft scheitert, wenn sie versucht, Grausamkeiten zu rationalisieren. Es gibt immer nur eine Annäherung.

Neben Konzentrationslagern, Gulags, Schlachtfeldern und anderen von Menschen geschaffenen Höllen bot der Erste Weltkrieg eine Vielzahl von negativen Höhepunkten eines industriell geführten Kriegs, die Menschen anderen Menschen angetan haben, und die einen auch noch im zeitlichen Abstand erschüttern.

Bei dem Krieg, den Russland aktuell gegen die Ukraine führt, und der in der Schweinereien-Skala nichts auslässt, selbst Kinderkliniken werden bombardiert, drängt sich mir eine besonders abscheuliche Episode aus dem Studium in der Erinnerung auf.

Sonntags an der Schweizer Grenze

Der Erste Weltkrieg wurden zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich besonders rücksichtslos geführt. Wer will, der kann heute noch die ehemalige Front im Badischen und im Elsass, natürlich auch in Belgien und Teilen Nordfrankreichs besichtigen. Die dazugehörigen riesigen Soldatenfriedhöfe liegen gleich um die Ecke.

An der nördlichen Schweizer Grenze gab es Anhöhen, von denen aus Neugierige das Abschlachten genau verfolgen konnten. Die deutschen und französischen Schützengräben lagen nicht weit auseinander, so dass die Folgen, die eine Granate anrichtete, genau beobachtet werden konnten. Es war, so erzählt man sich, ein sonntäglicher Ausflug auf Schweizer Seite, Franzosen und Deutsche bei ihren Kämpfen zuzuschauen.

Der Krieg im Livestream

Eine vergleichbare Position nehmen wir jetzt mehr als 100 Jahre später ein. Wir sehen Live-Bilder vom kriegerischen Handeln in der Ukraine. Die digitale Elektronik macht es möglich. Wir nehmen explodierende Krankenhäuser und Schulen wahr, verfolgen die Zerstörung der Infrastruktur in der Ukraine, aber auch das Sterben von Soldaten und Vertretern der Zivilbevölkerung. Es muss nur der richtige Kanal eingestellt sein. Es ist offenbar eine Augenlust, Gewalt zu sehen und dabei im Warmen zu sitzen. Von der Intensität her gibt es keinen Vergleich mit Fotos und Filmen aus Vietnam, Afghanistan oder Biafra. Die Ukraine ist bislang einzigartig.

Wer glaubt, dass wir einen moralischen Fortschritt nach dem Zweiten Weltkrieg erreicht haben, nur weil wir nach 1945 ein Völkerstrafrecht etabliert haben, der irrt. Theoretisch mag das manchmal der Fall sein, aber die großen Länder USA, Russland und China unterwerfen sich nicht dieser Gesetzgebung. Praxis und Theorie klaffen auseinander. Viele kleine Aggressoren sind nicht greifbar. Es ist schrecklich.

Die Illusion der Stunde Null in der Noris

Menschen, die schwere Gewalterfahrung erlebt oder mitgemacht haben, werden diese ihr Leben nicht mehr los. Das haben wir alle nach dem Zweiten Weltkrieg lernen müssen. Es wird schwer werden für die Ukrainerinnen und Ukrainer, wenn das Töten endlich beendet ist, das neue Leben in einer Trümmerlandschaft zu beginnen und zu akzeptieren, dass Freunde und Verwandte für immer verschwunden sind.

Eine Stunde Null wird aber nicht möglich sein. Der Historiker Götz Aly hat mit einem Vortrag im Dokumentationszentrum Reichsparteitage in diesen Tagen deutlich gemacht, dass es in Deutschland 1945/46 üblich war, von einer Stunde Null zu reden. „Es hat aber keine gegeben“, so Aly. Deshalb würden wir uns noch immer an den Folgen des Zweiten Weltkriegs abarbeiten. Es ginge wohl auch nicht anders. Die Menschen wollten Leben.

Illustration von Matthias Egersdörfer – dem Kabarettisten dampft es  vor Wut aus den Ohren nach seinem umstrittenen Auftritt beim  Deutschen Kabarettpreis in Nürnberg

Egersdörfers Eklat beim Kabarettpreis – die ganze Geschichte: „Gift, Galle und Pfirsich-Joghurt-Torte” | Illustration: © Paul Blotzki

Adolf und Albrecht – eine Pointe zu viel

Als vor kurzem der Schriftsteller, Komödiant und Schauspieler Matthias Egersdörfer bei der Überreichung des Deutschen Kabarettpreises in Nürnberg mit seiner Laudatio versuchte, eine derbe Abrechnung mit Kulturreferentin Julia Lehner vorzutragen, spielte er mit den Vornamen Adolf und Albrecht. Nürnberg profitiere von beiden, so seine provokante These. Adolf Hitler, der Nürnberg mit den Reichsparteitagen zu einer seiner Lieblingsstädte gemacht hat, und Albrecht Dürer, unbestritten Nürnbergs bedeutendster Künstler, miteinander zu verschmelzen, ist eine Anmaßung, die sich Egersdörfer besser verkniffen hätte.

Menschen, die unter den Verbrechen eines größenwahnsinnigen Hitler gelitten haben, die Verwandte und Freunde verloren haben und schwere Verluste hinnehmen mussten, werden es nicht verstehen, wenn Hitler zu einem billigen Versatzstück im aktuellen Kabarett verkommt. Außerhalb von Nürnberg wird sich der Eindruck aufdrängen, dass die Nürnberger auch bei offiziellen Veranstaltungen, wie es der Kabarettpreis nun einmal ist, den „Führer“ als Witzobjekt benutzen, um die Geschäftstüchtigkeit und scheinbar intellektuelle Harmlosigkeit der Nürnberger zu kritisieren. Das geht nicht.

Nürnberg verdient eine bessere Debatte

Politische Verbrecher, Kriege und Gewalterfahrungen sind keine Stoffsammlung für scheinbar lustige Kunst, die einen aktuellen Bezug zur Kommunalpolitik in Nürnberg hat. Das ist ohne Niveau und zeigt, wie platt die intellektuellen Debatten in Nürnberg inzwischen sind. Sie finden auch im Einzelfall kein Ende wie die über das Opernhausinterim belegt und mäandern einfach weiter. Das ist rückwärtsgewandte Wichtigtuerei.

Dass der Wahnsinn und die Grausamkeit von Kriegen, sich überhaupt nur mit Humor darstellen lässt, um Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit erfahrbar zu machen, steht auf einem anderen Blatt.

 

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