Nürnberg und die grüne Lüge
Der Reichswald beginnt dort, wo Nürnbergs Stadtgebiet endet – in der Grünflächen-Statistik taucht er nicht auf. | Foto: © Janine Beck
Nürnberg gilt als die grünflächenärmste Großstadt Deutschlands – doch dieser Vergleich hat einen entscheidenden Haken: Nürnberg besitzt mit 186,4 km² das kleinste Stadtgebiet aller deutschen Städte über 500.000 Einwohner. Der angrenzende Staats- und Reichswald bleibt in der Statistik unsichtbar – obwohl er für Hunderttausende Nürnbergerinnen und Nürnberger in wenigen Gehminuten erreichbar ist.
Deutschland und seine Bäume – baumaffin bis zur Unvernunft
Bäume, Parks und selbst Rasenflächen oder begrünte Baumscheiben werden von der Bevölkerung fast durchwegs positiv eingeschätzt. Selbst bei Autofahrern, die ihren Parkplatz vor der eigenen Haustür haben wollen: Wenn der Parkplatz aber zugunsten von Grünflächen wegfallen soll, dann kann das – selbstverständlich – nur beim Nachbarn sein. Wer einen Baum fällt, selbst wenn er es rechtlich darf, wird in der Regel scheel angesehen. Bäume haben viele Freunde, selbst wenn sie im Weg stehen.
Deutschland ist baumaffin wie kein anderes Land. Das hat schon das sogenannte Waldsterben vor rund 40 Jahren gezeigt. Das ist auch gut so, denn erst Grün macht das Leben in Städten lebenswert. Wer will schon in Stein- oder Betonwüsten leben? Doch unser Umgang mit Bäumen und Grün sollte faktenbasiert sein, sonst ist eine rationale Stadtentwicklung nicht mehr möglich.
Seit Jahren schleicht das Gespenst Grünflächenmangel durch Nürnberg. Mit der Behauptung, Nürnberg ist die Großstadt in Deutschland mit dem geringsten Anteil von Grünflächen auf dem Stadtgebiet, lässt sich leicht wildes Kopfnicken erzeugen und es werden Verwünschungen laut, dass die Stadt nicht genügend gegen den Klimawandel unternimmt. Genau!
Die historische Karte des Lorenzer und Sebalder Reichswaldes visualisiert jene gigantische grüne Lunge, die dem rein statistischen Blick auf Nürnbergs Stadtgebiet heute verborgen bleibt. | Karte aus: Beschreibung des Reichswaldes bei Nürnberg in geschichtlicher und wirthschaftlicher Beziehung. München: Palm, 1853. Quelle: Wikimedia Commons
Ein Vorwurf, der sich selbst widerlegt
Der Bund Naturschutz hat vor wenigen Wochen die Vertreter der lokalen Parteien befragt, wie sie nach der Kommunalwahl strategisch mit dem Mangel an Grünflächen in Nürnberg umgehen.
Mindestens dreimal hat der Vorsitzende vom Bund Naturschutz, Kreisgruppe Nürnberg, Klaus-Peter Murawski, in seiner Moderation darauf hingewiesen, dass es, ja genau, in Nürnberg im Vergleich zu anderen deutschen Großstädten zu wenig Bäume und Grünflächen gibt. Allgemeines Nicken und Seufzen. Die Angst vor dem Klimawandel wurde fühlbar. Das stimmt so aber nicht. Die Begründung ist falsch und wird auch durch permanentes Wiederholen nicht besser.
Sicher, Nürnberg hat einen Mangel an Grünflächen, vor allem in der Südstadt. Jeder neue kleine Park wäre eine Zierde für diese Stadtteile, aber Nürnberg ist nicht das Schlusslicht auf der Grün-Skala, sondern Nürnberg verfügt über das kleinste Stadtgebiet aller Städte über 500.000 Einwohner in Deutschland. Es ist nur logisch, dass eine alte Industriestadt mit dem kleinsten Stadtgebiet wie Nürnberg einen eher geringen Anteil an Grünflächen hat.
Kleinstes Stadtgebiet, größtes Missverständnis
Nürnbergs Stadtfläche beträgt 186,4 Quadratkilometer, 204,3 Quadratkilometer hat Hannover, 297,8 Quadratkilometer sind es für Leipzig und Bremen hat als Hansestadt 318 Quadratkilometer. Dass diese Städte, die von der Einwohnerzahl her nur leicht größer sind als Nürnberg, mehr Grünflächen haben, auch pro Kopf, ist eine Selbstverständlichkeit.
Aber keine Aussage über Grünflächen, die der Bevölkerung zur Verfügung stehen. Bei der Bewertung von Nürnberg wird völlig außer Acht gelassen, dass der Sebalder und Nürnberger Reichswald beim Grünflächenvergleich nicht berücksichtigt werden, weil sie dem Freistaat gehören.
Der Wald vor lauter Statistik
Wer in Zerzabelshof oder im Nürnberger Nordosten, in Fischbach, Altenfurt oder Moorenbrunn aus dem Haus geht und zwei Minuten später Waldluft einatmet, macht das auf der Gemarkung des Freistaats. Er denkt natürlich nicht darüber nach, wem der Wald gehört. Als Steuerzahler ist es immer sein Wald.
Aber wenn er auf Veranstaltungen hört und viele Afterschreiber es wiederholen, dass es so wenig Grünflächen in Nürnberg gibt, dass Nürnberg im Vergleich zu anderen Städten an letzter Stelle in Deutschland rangiert, dann könnte er massiv ins Zweifeln kommen, dass es überhaupt noch ausreichend Sauerstoff für ihn in Nürnberg gibt.
Nürnbergs Grün wächst still
Dass Nürnberg in den vergangenen Jahren eine sehr bewusste und längerfristig angelegte Grünflächenplanung begonnen hat und auch verfolgt, wird dabei übersehen. Wer vom Ansatz her schon falsch losläuft, der sieht immer nur Defizite in der Stadt.
Hier soll nicht beschönigt werden und es gibt Stadtteile, da müssten Häuser abgerissen werden, damit eine Grünfläche entstehen kann, aber betrachtet man Nürnberg zusammen mit seiner Umgebung als Einheit, was im Alltag normal ist, dann gibt es auch ein grünes Nürnberg.
Nürnberg war nie eine Regierungsstadt und benötigte in seiner Geschichte keine üppigen Boulevards und repräsentative Aufmarschstraßen, die von Bäumen geschmückt werden. Die Stadt hätte sich solchen Luxus ohne Regierungsfunktionen auch nicht leisten können. Die Alternative wäre gewesen, die Stadtmauer abzureißen und einen Park rund um die Innenstadt anzulegen.
Die Kübel stehen schon bereit, die Bäume fehlen noch: Elf mobile Bäume sollen künftig auf dem Hauptmarkt für etwas mehr Grün sorgen. | Foto: © Janine Beck
Reichswald eingemeindet – und alles wäre anders
Dass in der vergangenen Woche mit dem Pflanzen von elf mobilen Bäumen auf dem Hauptmarkt begonnen wurde, dürfte den Grünanteil in Nürnberg im kleinsten Prozentbereich verändern. Vier Amberbäume, vier amerikanische Linden und drei Henrys Linden werden sich auf der Westseite des Hauptmarkts gegen den Klimawandel stemmen.
Murawskis gebetsmühlenartig vorgetragene Klage, dass Nürnberg zu wenig Grünflächen hat, werden sie nicht verändern, da müsste Nürnberg schon die Reichswaldflächen eingemeinden. Das hätte schon was. Oder?
Nürnberg wählt am 8. März seinen Stadtrat. U2-Ausbau, Aufseßplatz, Frankenschnellweg: Welche Großprojekte die nächsten sechs Jahre prägen.