Schön wird’s, aber teuer – das Volksbad Nürnberg
Oben glänzt der Turm, unten graben die Bagger. Seit sechs Jahren wird am Volksbad gebaut. | Foto: © Janine Beck
Die Sanierung des Volksbads Nürnberg kostet mindestens 90 bis 100 Millionen Euro statt der geplanten 56 Millionen Euro. Gründe sind die marode Bausubstanz, Schadstoff- und Asbestfunde sowie Auflagen des Denkmalschutzes. Der Anteil der Stadt steigt auf 55 bis 60 Millionen Euro. Die Eröffnung des Jugendstilbads am Plärrer verschiebt sich von 2026 auf die zweite Jahreshälfte 2027. Der Stadtrat hält am Projekt fest.
„Was weg ist, ist weg“ hieß es beim Pellerhof
Als 2005 eine heftige Debatte darüber entbrannte, ob der 400 Jahre alte Pellerhof am Egidienberg in Nürnberg wieder aufgebaut werden soll, entbrannte ein heftiger Streit darüber, dass der Denkmalschutz in Bayern Rekonstruktionen nicht vorsieht. Bei einer Diskussion sagte der Vertreter der Denkmalschutzbehörde den Satz: „Was weg ist, ist weg.“ Er lehnte damit den Wiederaufbau des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Pellerhofs ab, obwohl im unteren Bereich des Hofs noch viele Originalsteine erhalten waren. Zusammen mit dem Pellerhaus war er einer der bedeutendsten Renaissancebauten im deutschsprachigen Raum. Andere Nationen verfolgten dagegen eine andere Strategie und ließen Rekonstruktionen zu, weil sie wichtig für die Identität von Städten sind. Der Pellerhof wurde trotz aller Widerstände von den Altstadtfreunden wieder aufgebaut und gilt als architektonischer Glücksfall für den Egidienberg.
Jugendstiljuwel mit teurer Geschichte
Das Volksbad gilt als eines der bedeutendsten Jugendstilbäder Europas. | Foto: © André Fischer
Das Volksbad am Plärrer war einst auch ein architektonisches Juwel. Es gilt als eines der bedeutendsten Jugendstilbäder Europas und war bis zu seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg eine architektonische Signatur für Gostenhof. Schon beim Bau 1914 waren aber die Kosten aus dem Ruder gelaufen und angesichts der hohen Unterhaltskosten wurde zunächst sogar minderwertiges Wasser aus einer Muggenhofer Quelle für den Schwimmbetrieb verwendet. Doch 1994 war mit dem notdürftig reparierten Volksbad Schluss, weil zu wenige Besucher kamen und die Reparaturkosten sehr hoch waren. Außerdem hatten städtische Mitarbeiter bei kleineren Renovationen mehr zerstört als saniert. (Das gilt im Übrigen auch für das Opernhaus.)
Der Streit um die Ruine am Plärrer
Fast 25 Jahre blieb das Volksbad eine Ruine. Die CSU wollte zunächst das Gebäude als Eventzone für Tanzveranstaltungen umbauen, weil eine Sanierung des Gebäudes viel zu teuer erschien. Die SPD unter OB Ulrich Maly setzte dagegen auf eine Nassnutzung. Maly vermutete, dass viele Nürnberger gute Erinnerungen an das Volksbad haben, weil sie dort das Schwimmen gelernt haben. Die Genossen wollten die Herzen der Nürnberger erobern und zudem schien eine Sanierung in städtischer Eigenverantwortung günstiger zu kommen, als wenn es ein Generalunternehmer gemacht hätte.
Die Sterne schienen günstig zu stehen. Noch dazu sollte Bürgermeister Christian Vogel (SPD) bei der Sanierung Regie führen. Vogel ist nicht nur ein begeisterter Schwimmer, er hatte auch viele Erfahrungen bei der Sanierung der anderen Nürnberger Bäder gesammelt. Außerdem hatte er mit Joachim Lächele einen Bädersanierungsspezialisten im Team, der sich ebenfalls um die Nürnberger Bäder verdient gemacht hat.
Fast 25 Jahre stand das Volksbad als Ruine am Plärrer – die CSU wollte eine Eventzone, die SPD setzte auf die Nassnutzung. | Foto: © Janine Beck
Die Sanierungspläne von 2020
2020 stand die auf 56 Millionen Euro geschätzte Sanierung: 30 Millionen sollten von der Stadt kommen, 15 Millionen vom Freistaat und 8 Millionen Euro vom Bund. Das Volksbad sollte wie der Pellerhof das Umfeld architektonisch wieder aufwerten. Vogel gelang es, sogar über eine Million an Spendengeldern zusätzlich für den im Krieg zerstörten markanten Turm des Volksbads einzusammeln. Der Turm war im ursprünglichen Sanierungskonzept nicht enthalten. Während der bislang sechsjährigen Bauzeit gab es keine Gerüchte, dass die Kosten regelrecht explodierten.
Statt 56 nun bis zu 100 Millionen Euro
Bei seiner Informationsrunde, wie es um die Großprojekte der Stadt bestellt ist, war Andreas Krieglstein (CSU), seit Mai neuer Bürgermeister, regelrecht entsetzt, dass der Kostenrahmen für das Volksbad deutlich überzogen worden ist. Statt der ursprünglichen 56 Millionen Euro soll die Sanierung mindestens zwischen 90 und 100 Millionen Euro kosten. Der Anteil der Stadt wird zwischen 55 und 60 Millionen Euro betragen. Die Kassenlage der Stadt ist schon ernst, denn sie darf vorerst keine neuen Kredite aufnehmen und muss 70 Millionen Euro sparen. Das Volksbad wird der Stadtspitze noch viele Schweißtropfen auf die Stirn zaubern, denn in der Kostenerhöhung ist noch nicht einmal ein Risikoaufschlag enthalten. Eröffnung ist auch nicht mehr wie geplant 2026, sondern in der zweiten Hälfte 2027.
Die Gründe für die Kostenexplosion
Wie konnte das geschehen? Wer sich im Volksbad einmal umschaut, der sieht, dass ein Schmuckstück entsteht, ohne dass es ein Luxusbad für Reiche wird. Es gibt mehrere Gründe für den rasanten Anstieg um 50 Millionen Euro. Neben den höheren Material- und Personalkosten sind es die Überraschungen, die ein über 100 Jahre alter Altbau erst bei der laufenden Sanierung sichtbar werden lässt.
Es mussten Stahlträger eingezogen werden, damit im Brandfall keine Decken einstürzen, es fehlte an Fundamenten und es wurden viele Schadstoffe im Boden gefunden, denn auf dem Grundstück stand das erste Gaswerk Nürnbergs, bevor das Volksbad gebaut wurde. Jüngst wurde in der Eingangshalle auch noch Asbest gefunden. Das bedeutet, dass die Halle gesperrt werden muss und nur mit Schutzanzügen gearbeitet werden kann, was die Bauzeit erneut verzögert. „Die Bausubstanz war schlechter als zu Beginn angenommen“, bedauert Andreas Krieglstein. Jede negative Überraschung zog neue statische Berechnungen nach sich und Gerüste, die nicht abgebaut werden konnten, haben die Bauarbeiten verzögert, was zu Kostenmehrungen führte.
Hier haben die Handwerker Vorfahrt. Und das noch bis mindestens 2027. | Foto: © Janine Beck
Denk mal! Schutz als Kostentreiber
Ein Kostentreiber war auch der Denkmalschutz. In der Schwimmhalle wurde der Ring, der die Decke gehalten hat, als marode eingestuft. Offenbar wurde mit den Denkmalschützern mehrere Wochen diskutiert, ob dieser Kuppelring rekonstruiert werden muss oder ob eine pragmatische Lösung nicht angebracht wäre. Obwohl vorher gezielt die Bausubstanz untersucht wurde, blieben die Asbestfunde in der Eingangshalle unbemerkt. „Es wurde wohl immer neben den Asbestflächen bei der Analyse des Gebäudes gebohrt“, vermutet Helmut Blaß, technischer Werkleiter von Nürnberg. Es ist eben auch Pech dabei.
Über 400 alte und individuell formatierte Fenster müssen abgeschliffen, ausgebessert und neu gestrichen werden. Da sie aber keinen Brandschutz bieten, müssen in den Innenräumen Glasflächen vor einigen dieser Fenster, die noch dazu keine Funktion haben, angebracht werden. Wenn in den Bädern Teile des Bodens fehlen, dann darf nicht einfach Estrich zum Ausgleich verwendet werden, denn der Denkmalschutz muss auch hier mitreden. Wände können nicht einfach weiß gestrichen werden: Der Denkmalschutz beharrt darauf, dass Gebrauchsspuren sichtbar bleiben. Krieglstein und Blaß wollen die Schuld für die Kostenmehrung aber nicht allein auf die Denkmalschützer schieben.
Jeder der alten Rahmen ist ein Einzelstück und wird von Hand aufgearbeitet. | Foto: © André Fischer
So will die Stadt gegensteuern
„Wir bewegen uns hier in einem Labyrinth. Offensichtlich ist das Projekt schon seit längerem aus dem Ruder gelaufen“, vermutet Krieglstein. Damit sich das Projekt wieder stabilisiert, wird das Kosten- und Termincontrolling intensiviert und die Koordination zwischen den Gewerken verbessert. Die Stadt prüft aber auch Regressansprüche gegenüber einigen Firmen und führt Gespräche mit den Fördermittelgebern, dass sie ihren Zuschuss erhöhen.
Der Stadtrat hat den Vorschlägen Krieglsteins inzwischen zugestimmt und hält an dem Projekt fest. „Unser Ziel ist es, mit dem Volksbad die Situation für die Nürnberger Bevölkerung mit Schwimm- und Bademöglichkeiten zu verbessern“, sagt Krieglstein. Schön wird das Volksbad, aber teuer.
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