Ära Julia Lehner: Kultur als Bollwerk und ein teures Erbe
Ein Stern am Himmel der Kultur. Julia Lehner verlässt das Nürnberger Rathaus nach 24 Jahren mit viel politischem Lob und einer klaren Warnung vor dem Rotstift. | Illustration: © Paul Blotzki
Nach 24 Jahren endet im Nürnberger Schauspielhaus die Ära Julia Lehner. Ihre Verabschiedung geriet zur lautstarken Würdigung ihres Lebenswerks – geprägt von großen Bauprojekten und klarer Haltung gegen rechts. Doch während der Applaus verhallt, steht Nachfolger Marcus König vor einer Herkulesaufgabe: Er übernimmt das Kulturreferat in einer Zeit gähnend leerer Kassen.
Ein Abschied als Akklamation
Es gibt Politiker und Politikerinnen, da sind Wählerinnen, Wähler und die sogenannten Experten samt journalistischer Begleitung nur noch froh, wenn sie aus dem Amt scheiden. Am besten lautlos.
Bei Julia Lehner, bis Ende April Nürnbergs Bürgermeisterin und zuständig für den Bereich Kultur, war das Gegenteil der Fall. Ihre Verabschiedung im Nürnberger Schauspielhaus in der vergangenen Woche kam einer Akklamation zur Kulturbeauftragten der Bundesregierung gleich – anstelle des glücklosen und unsensiblen Amtsinhabers Wolfram Weimer.
Bis auf den letzten seiner 538 Plätze war das Schauspielhaus gefüllt. Die Nürnberger Polit- und Wirtschaftsprominenz sowie die Mitarbeiter des Kulturreferats waren fast komplett vertreten. Das Lob für Lehner wollte nicht enden. Es gab nicht nur freundlichen, sondern lange anhaltenden Applaus.
Ein Vierteljahrhundert Kulturgeschichte
24 Jahre führte Lehner den Kulturbereich der Stadt Nürnberg. Im politischen Leben eine sehr lange Zeit.
Ausbau der kulturellen Infrastruktur: Sanierung Schauspielhaus, Künstlerhaus und Z-Bau, Neubau Opernhausinterim an der Kongresshalle und die Einrichtung des neuen Kulturzentrums „Auf AEG“ im Westen der Stadt.
Großveranstaltungen im öffentlichen Raum: Festhalten an kulturellen Großveranstaltungen wie dem Klassik Open Air und den Veranstaltungen zum Dürerjahr.
Fortschreibung der Erinnerungskultur: Erweiterung des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände und des Memoriums Nürnberger Prozesse.
Staatstheater: Aufwertung von Oper, Schauspiel und Ballett zum Staatstheater.
Das sind nur die Leuchttürme von Lehners Arbeit.
Markus Söders späte kulturpolitische Einsicht
In einer sehr launigen Rede lobte Ministerpräsident Markus Söder die Arbeit seiner Parteikollegin, die 2002 ohne CSU-Parteibuch ihr Amt antrat.
Söder verhehlte nicht, dass er am Anfang nicht ganz so begeistert war, dass die Kultur ein Schwergewicht im Nürnberger Rathaus werden sollte. „Ich gehe lieber ins Stadion als zu Wagner“, frozzelte er. Auch die lange ersehnte Dreifachturnhalle in Katzwang schien ihm wichtiger als Investitionen in Kultur. Dass Lehner es zuließ, dass Aktionskünstler Olaf Metzel mit seinem Stuhlturm bei der Weltmeisterschaft 2006 den Schönen Brunnen zustellte, ließ ihn nach eigener Aussage massiv an der Kulturreferentin zweifeln.
Doch er ließ es zusammen mit dem damaligen CSU-Bezirksvorsitzenden Günther Beckstein geschehen. Allein die geplante Kunstaktion mit 1000 Nackten auf der Fleischbrücke redeten sie ihr aus. Metzels Turm sei ein extremes Marketing gewesen.
Söder gab zu, dass er erst nach und nach erkannte, welchen „Stern am Himmel der Kultur“ er in der Person Lehners hatte. Er lobte ihren „Stil, ihren Charme, ihre Kompetenz und ihre Nervigkeit“ bei der Durchsetzung von Vorhaben. Söder wäre nicht Söder, wenn er nicht auch noch das Talent Lehners, eine Faschingsrede bei den Eibanesen zu halten, gepriesen hätte.
Er stellte auch mit seinem Lob Lehners die Kompetenz des aktuellen Kulturbevollmächtigten Wolfram Weimer in Frage. Sollte er doch noch aus dem Kabinett ausscheiden, dann wäre für Söder Julia Lehner die erste Wahl bei der Nachfolge.
Ein Plädoyer für offene Räume und historische Haltung
Lehner, die noch den Vorsitz der Stiftung zur Kongresshalle anstrebt, machte deutlich, dass sie ihre Aufgabe darin verstand, Kultur auch niederschwellig anzubieten, so dass sich niemand ausgeschlossen fühlen muss. Kultur führe die Menschen zusammen und ihr sei die Vielfalt wichtig gewesen. Sie appellierte an die politischen Vertreter, an den kulturellen Institutionen nicht zu sparen, denn diese würden das Kulturleben erst ermöglichen.
Angesichts der vielen rechtsextremen Botschaften, von denen sie fast täglich welche bekomme, müsse die Erinnerungskultur, die über die Folgen des Nationalsozialismus aufklärt, weiter gestärkt werden.„Haltung zeigen“, so Lehner.
Nida-Rümelin und die platonische Freiheit der Kunst
Julian Nida-Rümelin, ehemaliger Minister und Kulturreferent Münchens, machte mit einer Interpretation von Platon deutlich, dass Kulturpolitik den Auftrag habe, Kultur in aller Freiheit zu ermöglichen. Ihr dürfen keine inhaltlichen Vorgaben gemacht werden. Das war gegen die Deutschtümelei der AfD gerichtet, aber auch gegen andere, die Kultur ideologisch vereinnahmen wollen, und gegen Weimer, der ein sehr kleines Karo bei seiner Arbeit im kulturellen Bereich pflegt.
Söder wie Rümelin trauen Lehner noch einen großen, nationalen Wurf im Kulturbereich zu.
Die finanzielle Bürde der Nachfolge
Für Oberbürgermeister Marcus König, der nach dem Ausscheiden Lehners den kulturellen Bereich in Nürnberg führt, war die Verabschiedung Lehners sein Neuanfang. Ihm dürfte klar geworden sein, wie wichtig Erinnerungskultur und die Kultur im Allgemeinen für die Gesellschaft sind. Doch die städtischen Kassen sind leer. „Es sind keine freiwilligen Leistungen, die bei der Kultur eingespart werden können“, ermahnte Lehner ihren Nachfolger. „Sondern notwendige.“
Der Nürnberger Hafen ist zum Jobmotor mit 8.000 Angestellten avanciert. Doch während die Schiene boomt, geht dem Areal der Platz aus. Wir blicken hinter die Kulissen von Deutschlands größtem Frachtzentrum.