Alle sind wütend. Aber worüber eigentlich?

 
Nxrnbergs Hase hält eine aufgeschlagene Zeitung vor das Gesicht, nur Pfoten und Ohren sind sichtbar.

Erst lesen, dann schimpfen – idealerweise in dieser Reihenfolge. | Illustration: © Paul Blotzki

Der Streit um den Umzug der Friedrich-Staedtler-Mittelschüler und die Debatte um das neue Max-Morlock-Stadion zeigen eine Empörungskultur, die private Wünsche über das Gemeinwohl stellt. Demokratie aber lebt von Kompromissen, und davon, Zumutungen mitzutragen.

 
 

Ein Freibad, das noch funktioniert

Versuchen wir es mit einem positiven Einstieg. In Nürnberg gibt es noch genügend Freibäder, die funktionieren. Es werden auch noch Bäder wie das Volksbad saniert. Das Privatbad Bayern 07 wird derzeit komplett neu gebaut, mit großzügiger Unterstützung der Stadt Nürnberg.

In vielen Kommunen wurden Frei- und Hallenbäder geschlossen oder aber es gibt so wenige, dass der Gang ins Freibad entweder zu Nacht schlafender Zeit begonnen werden muss wegen der langen Schlangen oder aber er gelingt nur mit einer sehr langen Wartezeit. Natürlich gibt es auch in Nürnberg Schlangen am Eingang, aber nicht schon um sieben Uhr.

In der Bundeshauptstadt Berlin gibt es so wenige Freibäder, dass man den Besuch von Freibädern bei hohen Temperaturen erst gar nicht startet oder ihn schon um sieben Uhr beginnt: mit dem Einreihen in eine lange Warteschlange.

Sechs Wochen Straßenbahn – und ein Sturm der Entrüstung

In Nürnberg funktioniert die öffentliche Infrastruktur trotz der jahrelangen Sparzwänge noch immer sehr gut. Aber Wehe, wenn es Probleme gibt und die werden nicht innerhalb von wenigen Tagen gelöst.

Das jüngste Beispiel ist die durch Starkregen im Keller vollgelaufene Friedrich-Staedtler-Schule im Knoblauchsland. Die Grundschüler dürfen bleiben, aber die Mittelschüler müssen vorübergehend umziehen. Die Eltern laufen dagegen Sturm, weil die Mittelschüler sechs Wochen lang mit der Straßenbahn in die Herschelschule fahren müssen. Ja, 42 Minuten Fahrzeit sind lang und nicht angenehm, aber nicht außergewöhnlich. Sie müssen nicht einmal umsteigen. Es gibt viele Fahrschüler, die eine vergleichbare Fahrzeit in Kauf nehmen müssen. Viele Jahre über.

Eingang der Friedrich-Staedtler-Schule in Nürnberg mit Pausenhof, Tischtennisplatte und Sitzbank aus Mosaik.

Nach zwei Starkregenereignissen ist das Gebäude der Friedrich-Staedtler-Schule nicht nutzbar. Die Mittelschüler müssen im neuen Schuljahr für ein paar Wochen in die Herschelschule umziehen. | Foto: © Janine Beck

Was einen aber verwundert, ist die Qualität der Aufregung bei den Eltern. Dieser vorübergehende Umzug ist nötig, weil die eigentlichen Ersatzräume in der Rollnerstraße noch nicht fertig renoviert sind. Den Eltern möchte man entgegenrufen: Nur sechs Wochen! Ersatzschulhäuser können nicht in kurzer Zeit entstehen und kosten ein Vermögen. Noch dazu ist es verlorenes Geld, weil die mobilen Räume nicht weiter genutzt werden können.

Petitionen im Netz – Wer stellt hier wen bloß?

Seit Jahren werden die Gefahren des Internets und von Social Media diskutiert. Es wird dabei oft vergessen, dass nicht das technische Medium an sich gefährlich ist, sondern seine Nutzer. Es kann eben schnell mit falschen Behauptungen und maßlosen Forderungen eine Petition ins Netz gestellt werden, die dann schnell viele Unterschriften findet. Noch dazu mit einer drastischen Wortwahl. Es wäre einmal interessant nachzuprüfen, wie viele der Unterzeichner einer Petition das Anliegen begründen und die Folgen beurteilen können. Es werden Menschen von anderen Menschen bloßgestellt und nicht von Social Media.

Es hat in unserer Gesellschaft eine Radikalisierung stattgefunden, die private Wünsche über alles stellt. Ein alles überwölbendes Gemeinwohl gibt es nicht mehr. Es bleibt nur noch das eigene Ich. Eine demokratische Gesellschaft ist aber keine Addition von Ichlingen. Da braucht es gegenseitigen Respekt und demokratische Verfahrenswege, mit denen unterschiedliche Interessen ausbalanciert werden und Kompromisse von den unterschiedlichen Lagern gefunden werden müssen.

Spontan vorgetragene Forderungsreflexe in einer maßlosen Sprache machen eine Demokratie kaputt. Leider wissen nur noch die wenigsten, wie lokale Entscheidungen politisch zustande kommen. Demokratie ist keine Veranstaltung von wenigen, die Applaus oder Buhrufe bekommen. Demokratie ist ein miteinander, bei dem der einzelne oder auch Gruppen manchmal etwas mittragen, was ihnen vielleicht nicht gefällt.

Maulen als Methode

Es gibt eine Partei, deren Kürzel auch als Armleuchter für Deutschland ausgeschrieben werden könnten, und die behauptet, ein Sprachrohr des Volkswillens zu sein. Ihre Vertreter müssten erst einmal eine Prüfung in Staatskunde absolvieren, ob sie überhaupt die elementarsten Verfassungsinhalte beherrschen, bevor sie sich als Politiker wählen lassen können.

Auch ihre Wähler sollten einmal genauer befragt werden, was sie von der Demokratie wissen, die sie ständig mit markigen Sprüchen abschaffen wollen.

Ein Stadion, zwei Wahrheiten

Bleiben wir nach dieser Abschweifung in Nürnberg. Neben der verbalen Maßlosigkeit gibt es auch eine intellektuelle Ziellosigkeit, die unsere Gesellschaft prägt. Bei der Haushaltssperre, die in Nürnberg verkündet wurde, war dies sehr schön zu erkennen. Nachdem man über Monate hinweg das geplante neue Stadion positiv eingeschätzt hat, wurden, als der Stadtrat die finanzielle Reißleine gezogen hat, gleich die Stadionpläne in den Orkus versenkt, weil es angeblich ein Luxustempel wird und auch für die Sanierung des Opernhauses wurde ein Denkverbot gefordert.

Illustration: Max Morlock trägt eine große Kugel auf der Schulter, als Sinnbild für die Stadionfinanzierung.

Das neue Max-Morlock-Stadion soll sich selbst tragen. | Illustration: © Paul Blotzki

Was das neue Max-Morlock-Stadion wirklich kostet

So sind biegsame Kommentatoren stets vermeintlich aktuell, wenn sich die Windrichtung ändert. Das neue Max-Morlock-Stadion profitiert von den Einsparungen beim alten Max-Morlock-Stadion. Die Stadt kann das neue Stadion, mit und ohne Haushaltssperre, nur deshalb in Angriff nehmen, weil die hohen zweistelligen Sanierungskosten beim alten Stadion wegfallen. Das ist der Eigenbeitrag der Stadt. Auch muss die Stadt nicht 300 Millionen Euro für das neue Stadion ausgeben. Der Freistaat ist mit im Boot und der 1. FC Nürnberg soll Kredite tilgen.

Stadion-Romantiker, die glauben, mit dem jetzigen Stadion wird der Club noch erfolgreich sein, werden, wenn es kein neues Stadion gibt, noch viele Tränen vergießen müssen, weil die Stadt die Chance nicht wahrgenommen hat. Seit über 15 Jahren wird über die Stadionpläne diskutiert.

Und das Opernhaus? Derzeit ist noch nicht einmal das Interim fertig. Wie das mit dem alten Opernhaus weitergeht, darüber wird in einigen Jahren zu sprechen sein.

 

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