Nürnberg braucht Räume für große Gefühle

 
Graue Flaggen mit dem Logo der Meistersingerhalle Nürnberg wehen auf einer grünen Wiese vor dem flachen Kulturgebäude unter einem wolkenverhangenen Himmel.

Die Meistersingerhalle in Nürnberg. Der Stadtrat hat die Instandhaltung des Konzertbaus über Jahre vernachlässigt – inzwischen lösen sich Platten an der Außenhaut. Eine Modernisierungsentscheidung steht angesichts der angespannten Stadtfinanzen weiterhin aus. | Foto: © Janine Beck

Standing Ovations in der Meistersingerhalle, Rauchtöpfe im Max-Morlock-Stadion: Nürnberg lebt von großen Gefühlen – doch die Räume dafür bröckeln. Die Meistersingerhalle ist sanierungsbedürftig, das Max-Morlock-Stadion veraltet, und das Umland nutzt zentrale Einrichtungen wie Schauspielhaus, Stadion und Klinikum mit, ohne sich an den Kosten zu beteiligen. Kultur und Sport sind keine luxuriösen Sonderausgaben, sondern elementare Qualitäten einer lebenswerten Großstadt.

 
 

Was Sport, Theater und Konzerte gemeinsam haben

Emotionen sind die schönsten Begleiterscheinungen von moderner Kommunikation, von leidenschaftlichen Erfahrungen und von positiven Gemeinschaftserlebnissen. Tatsächlich? Zumindest teilweise, wenn man einmal das mit Wallungen, Verleumdungen, falschen Behauptungen und banalen Unterstellungen im Internet beiseitelässt. Sport, Theater und Konzerte bringen Menschen dazu, einmal ganz aus sich herauszugehen. Junge wie Alte sind mit einem positiven Gemeinschaftsgefühl vereint.

Ehrendirigentin Joana Mallwitz dirigiert ihr Publikum in den Rausch, hier beim Abschiedskonzert in der Meistersingerhalle am 28. April 2023. | Foto: © Ludwig Olah

Die Sehnsucht nach dem Rausch ohne Reue

Wer das letzte Beethoven-Mahler-Konzert mit der in Nürnberg bekannten Dirigentin Joana Mallwitz in der Meistersingerhalle erlebt hat, weiß, dass klassische Musik Menschen in eine Art Rauschzustand ohne Drogen und Alkohol bringen kann.

Standing Ovations, obwohl etliche Konzertbesucher aus Altersgründen kaum noch geradeaus laufen können. Das war auch bei einigen der letzten Inszenierungen im Opernhaus der Fall sowie bei einigen philharmonischen Konzerten. Beispiele Brahms-Glanert-Konzert und die Opern La Finta Giardiniera sowie Turandot.

Das wird bei diesem Rock im Park Wochenende nicht anders sein. Endlich fern vom Alltag einmal sich die volle Dröhnung geben. Emotionen pur, die Rockmusik erzeugen kann.

Blick von der Tribüne in das Max-Morlock-Stadion während des Spiels 1. FC Nürnberg gegen Schalke 04 mit roten Rauchtöpfen in der Fankurve und der Beton-Dachkonstruktion.

Große Gefühle beim 3:0 gegen Schalke 04 im Max-Morlock-Stadion. | Foto: © Joanna Beck

Elementare Lebenslust braucht ein Zuhause

Ein positives emotionales Erlebnis gelingt auch beim Triathlon und beim Fußball. Erinnert sei der Sieg des Clubs gegen Schalke 04. Viele Fans des 1. FC Nürnberg sahen ihren Verein schon auf dem Weg ins Fußball-Glück, sprich erste Bundesliga, obwohl es in dem Spiel nur noch um ein gutes Ende einer nur mäßig erfolgreichen Spielzeit ging. Was hoffentlich kein Wunschtraum ist. Es war toll, was auf den Rängen im Morlock-Stadion los war, weil der Club gut gespielt hatte.

Beim jüngsten Katholikentag führten leidenschaftliche Debatten ebenfalls zu positiven Emotionen. Man war mit seinem Anliegen nicht mehr allein.

Der Mensch kann sich emotional packen und mitreißen lassen. Er tritt aus seinem Alltagszusammenhang heraus, der, das kann man drehen und wenden, wie man will, doch meistens ein Trott ist. Emotionen sind das Sahnehäubchen im Leben und durchbrechen die Langeweile. Wer solche Situationen nicht mehr erfährt, erfahren kann oder nicht mehr will, der wird sich schwertun, eine gewisse Leichtigkeit des Seins zu spüren. Schade. Kultur und Sport setzen wichtige Akzente im eigenen Leben. Man muss aber auch hingehen und mitmachen. Das ist kein Luxus, sondern elementare Lebenslust, die sich in Euphorie ausdrückt.

Doch Emotionen brauchen Räume als Voraussetzung, dass sie entstehen können. Angesichts der angespannten Finanzlage Nürnbergs dürfte es schwierig werden, alle Spiel-, Sport- und Unterhaltungsstätten erfolgreich in den nächsten Jahren betreiben zu können.

Brahms und Bundesliga im selben Takt

Was vereint den Club-Fan und den Klassik-Fan? Sowohl das Morlock-Stadion als auch die Meistersingerhalle entsprechen nicht mehr modernen Ansprüchen. Beides sind markante Gebäude. Die Stadt Nürnberg muss sich überlegen, wie sie die Meistersingerhalle und das Morlock-Stadion trotz enger finanzieller Spielräume modernisieren will.

Beim Stadion ist man weiter. Da gibt es zumindest schon Förderzusagen vom Freistaat, wenn die Stadt ihre Hausaufgaben macht. Bei der Meistersingerhalle nicht. Da fangen die Platten an der Außenhaut langsam an, sich zu lösen.

Schon bei seiner Verabschiedung als Kämmerer der Stadt Nürnberg räumte Harry Riedel vor sechs Jahren ein, die Meistersingerhalle über Jahre hinweg vernachlässigt zu haben. Natürlich nicht offiziell. Das bezieht sich selbstverständlich auf den ganzen Stadtrat. Wie es weitergeht, ist offen. Es wird wohl auf Zeit gespielt. Aber wir sind schon in der Verlängerung beim baulichen Zustand.

Der neue Stadtrat muss bei Kultur und Sport ein Gefühl entwickeln, dass das keine luxuriösen Sonderausgaben sind, sondern elementar wichtige Qualitäten, die eine Stadt lebenswert machen. Langfristig besteht die Gefahr, dass die Gesellschaft in Nürnberg wechselseitig auf das Stadion oder die Meistersingerhalle mit dem Finger zeigt und fragt: Brauchen wir so eine teure Infrastruktureinrichtung wirklich? Nur für geldgierige Profi-Fußballer und nur für alte Klassik-Fans, die nach und nach aussterben?

Das Umland feiert auf fremde Rechnung

Beides ist für eine lebendige Stadt wichtig. Bei 1,2 Millionen Menschen im engeren Großraum Nürnberg wäre auch ein Konzerthaus keine überflüssige Angelegenheit gewesen, sondern eine wichtige Spielstätte, die Nürnberg noch nicht hat und die neuen Erfahrungen möglich gemacht hätte. Eine Großstadt ist eben keine Kleinstadt. Die Landkreise und Städte um Nürnberg herum sollten sich aber einmal überlegen, was gemeinsam möglich ist, wenn zusammen etwas finanziert wird.

Die Haltung, die Kosten wie beim Schauspielhaus, Stadion oder Klinikum den Nürnbergern zu überlassen, die Angebote aber dennoch zu nutzen, ist von Geiz und Bauernschläue geprägt.

Spätestens wenn es in vier Jahren um die Zukunft des Opernhauses und die Rückkehr der Oper in das historische Opernhaus geht, wäre Solidarität angebracht. Merke: Geht es Nürnberg gut, dann geht es auch dem Nürnberger Umland gut. Zusammen wäre mehr möglich.

 

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